Berlin 2016 – Schlüsselerlebnisse mit VR und Performersion

Acht Tage Berlin – und die re:publica ist mir seltsam blass in Erinnerung. Natürlich war es wieder grandios, die ganzen Menschen zu treffen, die man den größten Teil des Jahres nur über Twitter oder Facebook erlebt.

Und obwohl die re:publica inzwischen so groß ist, das Programm fast unüberschaubar vielfältig, war erstaunlich wenig dabei, was mich persönlich brennend interessiert. Vielleicht habe ich aber auch nur wieder die Superkraft bewiesen und die Sessions ausgelassen, die die knallermäßigsten waren. Waren da überhaupt knallermäßige? Im Nachgang habe ich auch nichts mitbekommen, was mich unbändig bedauern ließe. Ich habe mir jetzt noch ein paar Videos angeguckt. Snapchat für Erwachsene ist sehr amüsant. Joshua Arntzen ist ein cooler Typ, der die Marketing-SocialMedia-„Alten“ im Saal recht hilflos erscheinen ließ. Gunter Dueck ist auch mal wieder eine Wucht, wie er uns allen mit Cargo Cult auf seine unnachahmlich niedliche Art gehörig den Kopf wäscht.

Ich habe dennoch auch feine Sessions erlebt. Die von Wibke zum Beispiel, in der sie über Bibliotheken der Zukunft in der Provinz berichtete, oder die von Frau Frohman über DatenDada. Eher zufällig habe ich von Ruth Daniel erfahren, wie wichtig Kunst auch in Krisenregionen ist und von Matan Berkowitz, der ziemlich coole Dinge mit Musik macht.

fadi kocht syrisch, rpten, republica  Dem eloquenten Sascha Lobo höre ich immer gerne zu. Egal worüber er spricht, er ist immer ein exzellentes Anschauungssubjekt für „Wie hält man gute Voträge“, trotzdem!
Der Lightningtalk „Fadi kocht syrisch“ brachte es mit sich, dass ich danach mit dem fabelhaften Team des Projekts eine herrliche Mittagspause verbrachte, die ich ob des guten Wetters sehr lange auf der schwarzen Inkontinenz-Lümmelwiese ausdehnte. Bei Ellen Euler erfuhr ich haarsträubende Dinge über das Scheitern der EU-Richtlinie zur Online-Nutzung verwaister Werke. Die grandioseste Session war dann aber doch das Karaoke-Singen am Dienstagabend: The Internet of Sings. Mein Zettel mit Wunschsong ging zwar verloren, oder wurde ignoriert – egal – man hat sowieso jeden Song der dargeboten wurde mitgegrölt. Ach, das war herrlich.

Immersive Arts

Aber das, was mir am allerbesten gefallen hat ist, dass Kunst einen ziemlich großen Raum einnahm. Räumlich hat sich die re:publica noch weiter vergrößert, mit dem Anbau und dem 2. Hof hintenraus und dem Kühlhaus ganz vorne. 2015 habe ich geschwänzt und weiß nicht, ob die letztes Jahr auch schon bespielt wurden.

Im Kühlhaus gab es an allen drei Tagen immersive arts.  Am ersten Tag ging es um Musik, am zweiten um die darstellenden Künste, am dritten um FashionTech.
An allen Tagen gab es auf der Galerie ein Präsentation von VR-Projekten. Und das war auch mein persönliches Schlüsselerlebnis. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich so eine Brille auf und bin in die VR Welt eingetaucht. Beim ersten Mal bin ich in eine Escher-Welt geraten. Allerdings nur kurz. Ich werde extrem schnell seekrank und das habe ich nicht lange ausgehalten, obwohl das nur eine relativ simple Animation war. Man verzeihe mir das, aber aus der Film-/Videowelt ist man ja inzwischen verwöhnt, was 3D und Animationen anbelangt, da wirken die VR-Welten teilweise so ein bisschen 80er Jahre Super Mario 1.0, aber den totalen Flash hatte ich bei „doghouse“ der von Johan Knattrup Jensen präsentiert wurde.
Das ist ein realer VR Film – von 2014! – den man aus der Perspektive der einzelnen Protagonisten erlebt. Es geht um ein familiäres Abendessen, bei dem der ältere Sohn zum ersten Mal seine Freundin mit nach Hause bringt. Johan hatte empfohlen sich eine Figur auszusuchen, die einem am fremdesten sei, in Alter oder Geschlecht, und ich wollte eigentlich die Rolle des o. g. Sohn einnehmen, stellte dann aber, als der Film schon lief fest, dass da zwei Brillen vertauscht wurden und ich war nun die Freundin. Das war insofern spooky, als ich solche Situationen natürlich selber erlebt habe und mein früheres Ich auch sehr dünn und meistens schwarz gekleidet war. Ich habe mich also ein Stück weit in dieser Figur wiedererkannt.

Das ist wahrscheinlich schwer zu verstehen und nachvollziehen, wenn man das selber nicht erlebt hat, aber man schaut an sich herunter und hat einen anderen Körper, der agiert und Dinge tut, die man ja selber nicht tut. In einer Szene wurde „ich“ von „meinem Freund“ geküsst und ich bin unwillkürlich zurückgezuckt. Auch das essen und trinken „meiner“ Figur war total seltsam, wenn sich z. B. das Rotweinglas zu meinem Gesicht bewegte.

Leider konnte ich den ca. zwanzigminütigen Film nicht ganz zu Ende gucken, weil die Auflösung ein bisschen grob war und ich nicht richtig fokussieren konnte. Ausserdem liefen in dem dänischen Film englische Untertitel, die ich ja auch noch lesen musste. Ich bekam irgendwann Kopfschmerzen und musste abbrechen. Und es fuchst mich wie verrückt, dass ich nicht weiß wie es ausging. Ausserdem würde ich das total gerne noch aus allen andere Perspektiven sehen. Dem folgenden Video konnte ich entnehmen, dass sich die Geschichte auch nur komplett erschließt, wenn man alle Perspektiven kennt.

 

Die Cyber Räuber wurden von Björn Lengers präsentiert. Ich habe dann später in der Woche auf der Konferenz Theater und Netz ein paar Szenen sehen können. (Ich beschrieb das schon kurz hier)

Und obwohl nach dem Real-VR-Film „doghouse“ alle anderen gerechneten, animierten Szenarien gestalterisch und ästhetisch enttäuschend sind, ist es doch frappierend, wie man das erlebt. Wie der eigene Körper reagiert. Obwohl ich wusste, dass ich in einem geschlossenen Raum in der Heinrich Böll Stiftung stand, wagte ich nicht, mich an den Rand des wirklich nur rudimentär gezeichneten Dachs des Hochhauses zu wagen, um in den Abgrund zu schauen. Ich hätte doch einfach einen Schritt in den Abgrund machen können. Es wäre ja nichts passiert. Er war ja nicht real.
Ebenso reagierte ich ja körperlich auf die verdrehte Escher Welt.
In diesen animierten VR-Welten ist man ja körperlos, ich habe versucht den Tisch auf dem das Theatermodell stand anzufassen, aber da war ja nichts und ich habe natürlich auch meine Hand nicht gesehen.

Wie einfach unser Gehirn zu verwirren ist, weiß man ja von diversen optischen Täuschungen. Aber wenn dann noch – vermeintlich – der ganze Körper involviert ist, ist das doch sehr irritierend. Ganz besonders, wenn es sich um Realfilm handelt in dem man einen „echten“ Körper hat. Ich habe richtig gespürt, welche Probleme mein Gehirn hat, diese beiden „Realitäten“ zusammen zubringen. Zu wissen, dass man in einem Loft auf einem Stuhl sitzt mit einer dicken Brille auf dem Kopf und eine Film sieht, im gleichen Moment aber eine Figur ist, die ohne das eigene Zutun handelt.

Lesenswert ist dieser der Artikel zu einem Experiment des Karolinska-Instituts in Stockholm zu Körperwahrnehmung un VR.

Auch interessant ist, dass ich zwar stark körperlich reagierte aber überhaupt nicht emotional. Aber vielleicht ist das genau der Grund, dass der Körper zu sehr mit sich beschäftigt war.

Aber wenn ich mir vorstelle, wie das in einigen Jahren sein könnte, wenn die Technik weiter ist, die Devices kleiner und leichter sind und die VR Welt eine perfekte Simulation der realen Welt ist, und es dann noch mal richtig spannend wird, wenn es interaktiv wird, dann sind Szenarien wie in Matrix, Inception oder eXistenZ gar nicht mehr so weit weg.

Performersion

Die Performersion, im Anschluss an die re:publica war für mich ebenfalls ein Erlebnis, hatte ich die Gelegenheit, dort  an einem Workshop von She She Pop teilzunehmen.

In Anlehnung an ihr Programm 50 Shades of Shame haben wir Figuren aus unterschiedlichen Körperteile zusammengebaut. Jeder der Beteiligten stand vor einer Kamera. Mittels Licht und Computertechnik wurden die (Teil-) Figuren zu einer zusammengefügt. Man war also jeweils bis auf ein Körperteil, welches sichtbar sein sollte, schwarz gekleidet. Das was schwarz war, blieb unsichtbar.  Wir begannen jeweils zu zweit mit Ober- und Unterkörper, bis wir dann eine Figur aus fünf Teilen/Menschen zusammenbauten. Am Schluss kamen dann noch Textelemente mit dazu, die durch das körperliche agieren unterstrichen wurden. Ach, es ist schwierig zu erklären, war aber ein Riesenspaß. Das war übrigens auch eine prima Übung in Aufmerksamkeit. Sehr schnell konnte man erkennen, wer auf seine Mitspieler achtete oder nur eine Ego-Show abzog.

 

Nach drei Tagen re:publica und die Theater und Netz noch vor mir, waren mir dann zwei Tage Performersion zu viel und ich beließ es bei dem einen. Ich hoffe aber sehr, dass das im nächsten Jahr wiederholt und der Kunst Track weiter ausgebaut wird. Dann werde ich mich darauf konzentrieren.

-> Die Video Playlist der Vorträge zu immersive arts und Performersion.

 

Performersion: „Wir wollen Raum für kreative Prozesse öffnen, in denen Künste und Digitalkultur gemeinsam reflektieren. Wir wollen Begegnung zwischen VertreterInnen der darstellenden Künste mit der digitalen Zivilgesellschaft und ihren AkteurInnen ermöglichen. Wir wollen den Austausch moderieren, dokumentieren und fortführen und Vernetzung und Kooperationen zwischen den Sparten auf Augenhöhe ermöglichen. Anschauliche Talks mit Best-Practice-Beispielen und Informationen zu möglichen Förderpartnern fundieren diese Vernetzung auch professionell. Wir hoffen, dass die im Rahmen der Performersion entstandenen Kooperationen über die Veranstaltung hinaus fortgesetzt werden.“

Wo wird dieser Dialog weitergeführt?

 

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