Brutal schön – Design und Gegenwartsdesign

In Sachen Kunststrudel habe ich in letzter Zeit einiges zu Esswerkzeugen gelesen und mir Gedanken darüber gemacht, wie Design unser individuelles und gesellschaftliches Verhalten beeinflusst, formt und/oder verändert. Und wie Design grundsätzlich das individuelle oder gesellschaftliche Verhalten ändern kann. Da fiel mir ein Hinweis zur Ausstellung Brutal schön – Gewalt und Gegenwartsdesign im Marta Herford vor die Füße und ich bin relativ spontan hingefahren.
Ich habe mir ehrlich gesagt in all den Jahren noch nie wirklich Gedanken über Gewalt und Design gemacht, aber klar, auch Waffen werden gestaltet. Und wenn Design das individuelle und gesellschaftliche Verhalten verändern kann, kann Design Gewalt forcieren, abmildern oder verhindern? Liegt am Ende der Weltfriede in den Händen von Designern? Mit diesen Gedanken fuhr ich nach Herford.

 

 

Ich könnte jetzt über jedes einzelne Ausstellungsstück etwas schreiben, so sehr hat mich die Ausstellung begeistert, aber das wäre müßig. Das kann man sicher im Katalog  besser nachlesen. Auf jeden Fall wurde meine Denkmaschine ungemein befeuert, werden doch ganz vielfältige Aspekte des Themas gezeigt.

„Design ist gut und böse zugleich“. Das ist der erste Satz im Begleitheft, eine Provokation, die zur philosophischen Betrachtung einlädt und auf der ich immer noch rumkaue. Ich bin da nicht zu hundert Prozent d’accord, ich meine, Design ist erst mal neutral, die Absicht und die Verwendung kann gut oder böse sein, aber gewiss ist, dass Designer eine Verantwortung haben. Gestalten sie Waffen, Wegwerfprodukte – designten Müll – oder versuchen sie, die Welt mit ihrer Arbeit zu einem besseren Ort zu machen? Für alles werden Beispiele gezeigt.

So auch, dass dem Material bei seiner Umformung Gewalt angetan wird. Plakativ eingesetzt beim Sessel Do Hit von Marijn van der Poll, einen Metallkubus, den der Eigentümer erst mal mit einem Vorschlaghammer in Form bringen muss, den Hockern von Guy Mishaly,  die mittels kontrollierter Explosion entstehen, oder der Lampe von Jordi Canudas, deren Schirm aus einer Eierschale besteht und man die Lichtstärke mit einem Hämmerchen verändern kann, indem man die Schale zerschlägt. Das geht natürlich nur einmal.

Design und seine Schatten.

Man betritt die Ausstellung entlang eines hohen schwarzen Zauns (Matthias Megyeri) auf dessen Spitzen niedliche Tiere angebracht sind: Häschen Pinguine und undefinierbare Hühnerfische (?), die auf den ersten Blick darüber hinwegtäuschen, dass ihre spitzen Flügel und Ohren genauso wirksam sind wie normale Pfeilspitzen.
„Funfact“: der Zaun wurde von Insassen der örtlichen JVA produziert. (Ausgehend von der Ausstellung wird ein Workshop entwickelt, in dem Fragen von Gewalt und Ausgrenzung behandelt werden. In Kooperation mit der Justizvollzugsanstalt Herford, der Diakonischen Stiftung Wittekindshof und der Detmolder Schule für Architektur und Innenarchitektur.)

Darling Objekt von Matthias Megyeri

Am anderen Ende des Ausstellungsraums steht ein weiterer Zaun, der Grenzen überwindet, indem eine Sitzbank durch ihn hindurchführt.

Nicht mehr los lässt mich das Foto von An-Sofie Kesteleyn, das Keyvisual der Ausstellung, das auch Ausstellungsplakat und -katalog ziert, aus der Serie „My first Rifle“. Ein Mädchen posiert mit ernstem Gesichtsausdruck, mit ihrem pinken Gewehr. In der Ecke des Zimmers lehnt lässig ein weiteres Gewehr an einer Vitrine, die mit bunten Kuscheltieren gefüllt ist. Auslöser für die Fotoserie war eine Zeitungsnotiz, dass ein fünfjähriger in Kentucky, seine zweijährige Schwester mit seiner Cricket erschossen hat. Dieses Gewehr ist ein voll funktionstüchtiges Gewehr, speziell für Kinder gefertigt, das es in verschiedenen Farben gibt. Für Mädchen barbie-pink.

An-Sofie Kesteleyn My First Rifle (Abby), 2013  © die Künstlerin

An-Sofie Kesteleyn
My First Rifle (Abby), 2013
C-Prints
© die Künstlerin

Ein grünes Zebra könnte nicht absurder auf mich wirken, wie dieses Bild. Man bekommt eine vage Ahnung davon, welche Macht die Waffenlobby in den USA und somit in der ganzen Welt hat. Wie verstörend, dass für Kinder Schusswaffen hergestellt werden. Für Kinder!!!! Schusswaffen!!!

Gewalt sichtbar machen

Die Taschenkollektion „Guardian Angle“ von Vlieger und Vandam finde ich großartig. Darauf bin ich vor ca. zehn Jahren zum ersten Mal aufmerksam geworden, als ich in einem Theaterstück eine Profikillerin spielte und wir dachten, das wäre ein fabelhaftes Requisit. (Leider teuer).  Die Taschen von Yael Mer hingegen, die sich auf Judith und Holofernes beziehen, sind hingegen gruselig. Das liegt sicher am Material und der Farbigkeit, aber auch daran, dass menschliche Gesichtszüge etwas anderes in der Wahrnehmung auslösen als Objekte.

Den Porzellanfiguren von Barnaby Barford bin ich auch irgendwo schon mal begegnet. Er be- und überarbeitet alte und neue Porzellanfiguren zu neuen, verstörenden Ensembles, wie die hier gezeigten Jugendlichen, die den Weihnachtsmann erschießen. Auch hier kamen mir spontan, wie schon bei An-Sofie Kesteleyn, Amok laufende Schüler in den Sinn.

Barnaby Barford: "The Good, The Bad, The Belle"

Barnaby Barford: „The Good, The Bad, The Belle“

Irritiert hat mich ein afghanischer Teppich, der neben den traditionellen Blütenmustern Kampfflugzeuge und kartierte Gebiete zeigt. Zuerst dachte ich, das sei ein von einem Gestalter/Künstler in Auftrag gegebenes Stück, aber nach Rücksprache mit der Kuratorin Friederike Fast, ist es wohl tatsächlich so, dass die Knüpferinnen in den traditionellen Werkstätten, diese Kriegsmotive und traumatischen Erlebnisse in die Teppiche mit einfließen lassen. Das traditionelle Geschichten erzählen in den Mustern ist so in der absoluten Gegenwart und Realität angekommen.

Was mir sehr gut gefallen hat, ist das Handbuch für die Bodenzeichnung von Drohnen von James Bridle, das zur Guerillaaktion einlädt. Drohnen, die beobachten, überwachen, bekämpfen, aufzeichnen, fliegen unsichtbar über uns hinweg. „Drohnen sind die Avatare eines politischen Prozess und die Zeichnung eines Drohnenschattens ist das Diagramm eines politischen Systems“ [James Bridle]
Die Anleitung zur Drohnenzeichnung konnte man als kleines Heftchen in der Ausstellung mitnehmen, oder man kann sie sich runterladen: Es ist nicht ganz so einfach, James Bridle gibt sehr genaue Anweisungen, wie die Zeichnung auszusehen hat. „If you do use the plans to draw your own Drone Shadow, please have a read of the handbook, let me know about it, and send any feedback you have.“
Das macht man nicht mal eben so. Dennoch, die Fotos von den bislang gezeichneten Drohnenschatten haben Wirkung.

James Bridle Drone Shadow, seit 2012 Open-Design-Projekt zum Download Außeninstallation, Farbe Foto: Hans Schröder, Marta Herford

James Bridle: Drone Shadow, seit 2012
Open-Design-Projekt zum Download
Außeninstallation, Farbe
Foto: Hans Schröder, Marta Herford

Zeitgleich und noch bis zum 5. Uni 2016 läuft die Ausstellung Magie und Macht – von fliegenden Teppichen und Drohnen. Ich hatte nur noch kurz Zeit sie zu durchlaufen, aber es sind fabelhafte Objekte zu sehen und der auf den ersten Blick nicht vorhandenen Zusammenhang von Drohen und fliegenden Teppichen erschließt sich vor Ort sofort. Also, genügend Zeit beim Besuch einplanen!

Gewalt als Rohmaterial.

Über die Arbeiten von Ron From habe ich schon beim Kunststrudel geschrieben.

Und dann stehe ich plötzlich vor einer Obstschale, die aus dem gelben Davidstern geformt ist und ich denke, das geht ja gar nicht. Seltsame Objekte, von denen man denken könnte, es seien die noch nicht bunt lackierten scheußlichen Memphis Objekte aus den achtzigern, entpuppen sich beim nachlesen als Garderobenständer, den Zaunpfählen von Ausschwitz nachempfunden. Da muss ich erst mal schlucken. Ronen Kadushin ist israelischer Industriedesigner (der sich sehr für Open Design einsetzt), lebt in Berlin und er reagiert mit diesen freien Arbeiten auf die Geschichte seiner Eltern, die den 2. Weltkrieg überlebten. Schwere Kost, aber es ist seine Art mit dem Trauma umzugehen.
[EDIT 18.04.2016: Heute erschien im Marta Blog ein Bericht über seine Arbeit]

Ezri Tarazi baut aus den unterschiedlichsten Materialien einen Tisch, der gleichzeitig teilt und verbindet, wie seine Heimatstadt Jerusalem. Seine Regale aus Munitionskisten bringen den Krieg ins Wohnzimmer. -> Ein Interview mit dem Designer im Monopolmagazin.

Gewalt abbauen

Glücklicherweise wird auch eine Reihe von Lösungen und positiven Ausblicken aufgezeigt. Recycling, Upcycling, faire Produkte und fairer Handel, transparente Produktionsprozesse, DIY, Repaircafés – all das sind seit einigen Jahren Entwicklungen, die von Designern mit entwickelt und geförderte werden. Besonders berührt hat mich ein Film von Studio Swine. Gemeinsam mit lokalen Fischern wird der Kunststoffmüll aus den Fängen gesammelt, an Bord eingeschmolzen, in Form gegossen und zu Kleinmöbeln geformt.

 

Dave Hakkens ist ein Designer, der sich  ganz dem Recycling und Nachhaltigkeit verschreiben hat. Er hat ein Konzept für ein modulares Handy entwickelt und lässt uns an dem Fortgang des Projekts teilhaben. Open Design ist ein großes Thema, Ideen,  Anleitungen, Bau- und Konstruktionspläne, die via Internet kollaborattiv entwickelt werden und downloadbar sind.

Skateistan ist auch so ein fabelhaftes Nonprofit Projekt, was seit 2007 besteht. In kriegsgebeutelten Krisenregionen, wie z. B. Afghanistan werden Skateboard Schulen eingerichtet. Über dieses „Vehikel“ – im doppelten Wortsinn – wird den (Straßen-) Kindern ein Zugang zu Bildung, Gemeinschaft und Selbstbewusstsein gegeben. Ganz wunderbar daran ist, dass es Mädchen stark mit einbezieht. („Fast 40% unserer Schüler sind weiblich. Afghanische Mädchen dürfen nicht Fahrrad fahren – aber sie können skaten“)

 

Cascoland ist ein internationales Netzwerk von Künstlern, Designern, Architekten und Performern, die ihre Idee von interdisziplinärer Intervention in öffentlichen Räumen für eine nachhaltigere und soziale Gesellschaft einsetzen. 2007 wurden Jair Straschnow und Bert Kramer nach Johannesburg eingeladen, um  in Drill Hall – einem geschichtsträchtigen Ort in einer gefährlichen Gegend – an der sozialen Infrastruktur mit zu arbeiten. Der oben erwähnte zweite Zaun enstand dort.

 

Es gibt noch die Sektion Organisierte Gewalt, in der drei verschiedene Arten von Gefängnissen gezeigt werden, oder über die Geschichte von Einrichtungen für behinderte Menschen berichtet wird. Sehr amüsant ist das Strickkursangebot von Lynn Zwerling in einem amerikanischen Männergefängnis.

Im Zeichen des Widerstands reflektiert unser Zeitalter der Bilder, der Memes, Remixes und Mashups. Das ikonische Hope Plakat von Barack Obamas aus dem ersten Wahlkampf und das Remake mit Edward Snowden, das Maschinengewehr vor dem Stern, Symbol der RAF, das Peace Zeichen, das Portrait Che Geuevaras, der Eiffelturm im Peace Zeichen – ich bin mir gar nicht mehr  sicher, was alles davon in der Ausstellung gezeigt wird – sind Grafiken, Illustrationen, die zur visuellen Kommunikation des politischen „Kampfs“ eingesetzt wurden und zu Icons geworden sind.
Das „Palästinensertuch“, die Ray Ban Brille, die bunten Mützen der Pussy Riots, die Anonymous Maske, sind zum Teil Symbole und Requisiten für eine Haltung, den Widerstand, zum Teil sind sie zu modischen Accessoires geworden, die ihre ursprüngliche Bedeutung verloren haben.

 


Epilog

Mich hat schon lange keine Ausstellung mehr so inspiriert und zum Nachdenken angeregt, wie diese. Die Fülle und Tiefe der Exponate ist enorm. Insbesondere die Sektion Gewalt abbauen stimmt optimistisch. Es ist zum Teil so einfach, etwas zu tun, zu verändern, ein Zeichen zu setzen, etwas zu bewegen. Mit simplen Mitteln. Es sind nicht unbedingt Gewaltakte (sic!) nötig, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Ich möchte an dieser Stelle gerne auf das Portal What Design can do hinweisen. Initiiert von Richard van der Laken, will es „Kulturaktivisten“ zusammenführen, das können Journalisten, Wissenschaftler, Köche, Designer oder Künstler sein. Weniger Schubladendenken, mehr über den Tellerrand gucken. Das können die Niederländer ganz hervorragend, was seit Jahrzehnten ihre Ausbildungskonzepte zeigen und auch der Anteil niederländischer Gestalter in dieser Ausstellung beweist.
Bis zum 1. Mai kann man noch an dem Ideenwettbewerb „What can you do for refugees?“ teilnehmen. Statt noch einer Lampe, oder noch einem Stuhl, kann man ja mal darüber nachdenken, was ein gutes Konzept für Flüchtlingsunterkünfte wäre, oder was die blöden UNO Zelte in den Flüchtlingslagern ersetzen könnte. (Obschon es auch spitzen Lampenprojekte gibt, die die Welt ein bisschen besser machen 😉 )

 

Brutal schön ist noch bis zum 1. Mai 2016 zu sehen und ich empfehle den Besuch von Herzen. Ein Katalog ist im Kerber Verlag erschienen.

Danke an Tabea Mernberger, Friederike Fast und Robert Nachtigäller für die Gastfreundschaft und den inspirierenden Austausch.

 

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