Lust und Frust einer professionellen Amateurschauspielerin

Die vorerst letzte Aufführung von Helges Leben ist gespielt. Neun Monate Probenarbeit, Blut, Schweiß, Tränen und vier Aufführungen liegen hinter uns.

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Bei dieser Produktion war vieles besonders schwierig. Wir hatten uns nach der letzten Produktion von unserer Regisseurin getrennt und eine neue künstlerische Leitung gesucht, wir haben uns recht schwer getan ein Stück zu finden – um uns dann für ein sehr sperriges und gegen jeden Mainstreamgeschmack stehendes zu entscheiden, und dann war die Suche nach neuen Mitspielern auch so schwierig wie noch nie zuvor. Dann der Prozess wieder eine Gruppe zu werden. Das Finden von Aufführungsterminen und passenden Spielstätten war dann vergleichsweise einfach.

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Im Winter 2011 war ich „Komparsin“ bei Der entkommene Aufstand, einer Produktion am Schauspiel Köln unter der Regie von Schorsch Kamerun.  Das war eine großartige Erfahrung, hat viel Spaß gemacht, ich habe viel nette Menschen getroffen.  Und ich habe  festgestellt wie „bequem“ es Schauspieler an einem Theater haben. Für alle Arbeiten (Technik, Bühne, Requisite, Kostüm, Probenplan, Produktionsleitung, Aufnahmeleitung, Marketing, Werbung, etc.) gibt es Fachpersonal und der Schauspieler muss eigentlich „nur“ schauspielen. Man kommt zur Probe/Aufführung, die Kostüme liegen gereinigt und gewaschen am Platz, ebenso die Requisiten, die Bühne steht, Licht und Technik sind eingerichtet, man fängt einfach an.

Anders in einem freien / Amateurensemble.

Erst der demokratische Prozess der Stückfindung – es wird viel gelesen und diskutiert. Dann beginnen die Proben, zeitgleich wird der Premierentermin festgelegt. Wenn man dann 6-10 berufstätige Menschen mit Privatleben unter einen Hut bekommen hat, sucht man nach geeigneten Spielorten. Hier fangen die Terminschwierigkeiten dann wieder  von vorne an, hinzu kommen mannigfaltige Vorgaben und Bedingungen der Häuser. Fast alle verlangen inzwischen eine Grundmiete pro Abend. Das können 250 EUR  sein, oder 300, oder noch mehr. Dann gibt es die Varianten Grundmiete + komplette Einnahmen, Grundmiete + 70% der Einnahmen, keine Grundmiete und 70% der Einnahmen, o. ä. Manchmal ist die Generalprobe im Preis drin, manchmal nicht, ein Techniker muss/kann mitgebucht werden, etc. Es heisst also immer, das Kleingedruckte sehr gründlich zu lesen.
In unserem Ensemble leisten wir uns eine professionelle Regie, die von uns bezahlt wird. Hinzu kommen Kosten für Requisiten und Kostüme (und es wird schon auch sehr viel selbst gebastelt), Druckkosten für Flyer und Plakate, ab der Generalprobe wird eine Technikerin bezahlt, Rollensatz und Nutzungsrechte für das Stück/den Verlag, u. U. Gemagebühren.

Der Zeitaufwand: ein Probenabend in der Woche – das ist nicht besonders effizient, ist aber mit vollzeit berufstätigen Menschen nicht anders zu lösen. Hinzu kommen ein paar Einzel -und Wochenendproben. Text lernen, Figurentwicklung, sich um Bühnenbild, Requisiten und Kostüme kümmern ist quasi zusätzliche „Privatsachen“. Natürlich muss man das Bühnenbild und alles andere selber vom Probenraum zum Theater fahren, alles aufbauen, u. U. nach der Generalprobe wieder alles komplett abbauen, weil am nächsten Tag noch eine Vormittagsvorstellung läuft. Nach der letzte Vorstellung packt man dann abends zwischen 23:00 und 24:00 Uhr alles wieder in die Privatautos und kutschiert die Chose zurück in den Probenraum oder lagert es in einem Privatkeller ein.

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In acht bis zehn Monaten kommt man auf ca. 160 Probenstunden – und hat gut  4.000 EUR in die Regie investiert (Ich will hier jetzt nichts über Honorare lesen. Es ist klar, dass das nur eine Art Aufwandsentschädigung ist. Mehr ist nicht drin. Diese Dinge sind im Vorfeld besprochen und vereinbart worden). Ab dann folgen die o. g. Produktionskosten plus zusätzlichem Honorar für die Regie.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich will mich nicht beschweren. Ich habe mir das so ausgesucht und mache das gerne und mit viel Engagement, Herzblut und Leidenschaft. Es ist natürlich auch großartig an allen Aspekten einer Produktion beteiligt zu sein und diese mitgestalten zu können.
Die meisten in unserem Ensemble spielen seit mehr als zehn Jahren Theater und wir haben uns inzwischen einen gewissen Anspruch erarbeitet – an uns selber. Auch wenn man temporär an seine Grenzen stößt, wenn man „nebenbei“ noch einen Vollzeitjob, ein Privatleben und vielleicht einen Partner hat. Ich habe nicht den Anspruch damit Geld zu verdienen. Ich weiss, dass das sehr schwierig bis unmöglich ist, und ich bin eigentlich ganz froh, damit nicht meinen Lebensunterhalt verdienen zu müssen – auch wenn ich es in meinen Tagträumen manchmal gerne täte.

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Wo ich aber echten Frust bekomme ist, wenn man feststellt, dass das Theater in dem man Premiere hat, keinerlei Werbung gemacht hat (ausser ein Plakat ins Fenster zu hängen und ein paar Flyer neben die Kasse zu legen), dass man in manchen Theatern das Gefühl vermittelt bekommt, wirklich nur sehr widerwillig geduldet zu sein – weil man ja „nur“ Amateur ist,  dass man um Einnahmen betuppt wird (manchmal ist es nur eine Vermutung, definitiv mitbekommen habe wir es in der Vergangenheit aber auch schon, wenn z. B. der volle Preis bezahlt wurde, mit uns aber ermäßigte Studentenkarten abgerechnet wurden, oder wenn ganz offensichtlich mehr als 50 Leute im Theater waren, aber nur gut 40 Karten abgerechnet werden.)
Wenn ein Journalist anwesend ist, der ein längeres Gespräch mit dem Regisseur und der Assistentin geführt hat, ein Artikel aber nie erscheint.
Wenn man so viel Geld und Arbeit und Herzblut investiert hat und dann bei der 2. Vorstellung nur knapp 30 Leute im Theater sitzen.

Und jetzt ist es vorbei.

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Wir würden „Helges Leben“ gerne im Herbst 2012 noch mal spielen und versuchen neue Aufführungstermine und Spielstätten zu finden. (Wer was weiß – oder uns buchen möchte! –  bitte gerne melden)

www.buehnlein-brillant.de

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