Warum ich mit Snapchat nicht warm werde

Das liegt zum einen an meiner alten Möhre = Smartphone. Das ist langsam, träge, hat mit allem Probleme, was mit Video zu tun hat (Vine … 🙁 ), verschluckt sich bei den Snaps, überspringt immer mal eins, zeigt dann plötzlich eins vom vorigen Snapper und versteht nicht, dass da Videos laufen, d. h. das Display will sich zwischendrin abschalten und wenn ich dann drauftippe, um es wach zu halten, springt es natürlich zum nächsten Snap – den ich ja nicht wiederholen kann.

OK, das sind jetzt meine technischen Hürden. Dennoch.
Ich finde da nicht sehr viel, was mich wirklich interessiert und was wirklich spannend gemacht ist. Jemandem zuzuhören, der statisch geradeaus in die Kamera abendfüllende Vorträge hält – aber das in 12 Sekunden Häppchen, was immer ein bisschen schluckaufig wirkt, nein. Dann macht doch lieber ein ganzes Video, zeigts bei Youtube und bindet es sonstwo ein.

Die wenigsten haben für mein Empfinden ein Gefühl für Dramaturgie und Spannungsbögen, was auch echt schwer ist, wenn man so ad hoc und on the fly produziert. Meine Aufmerksamkeitsspanne ist da sehr kurz.

Die wenigsten können gut und schön reden, zumindest so aus der Lamäng. Ich bin da extrem empfindlich, aber ich bin ja auch kein Hör-Typ.

Das Lacma macht ganz lustige Sachen, z. B. Popsongtexte (schriftlich) mit alten Meistern illustrieren. Muss man aber auch nicht zwingend auf Snapchat machen.

Und was mir gut gefällt, sind die kleinen Spaziergänge und Führungen, wie z. B. Anke [kulturtussi3] oder die Kulturfritzen sie machen. Mal eben kurz brutalistische Architektur in Köln entdecken, mit Marc oder Anne [kulturfritzi] (deren lakonischen Humor ich ganz besonders schätze) durch einen Park oder ein Museum streifen, kurze Infos in Text- oder Sprachform, lustige Kommentare mit Stickern. Aber abfotografierte Texttafeln, die ich mir dann screenshoten soll, um sie später nachzulesen – nein!

Als ich mal über das fotografieren schrieb, schrieb ich, dass ich den Alltag meiner Freunde auf Instagram mag. Aber das rein banale Abbilden von banalen Dingen habe ich damit nicht gemeint. Es ist schon eine besondere Perspektive, ein besonderer Blickwinkel, ein Augenzwinkern, eine atmosphärische Verdichtung oder ähnliches nötig, damit das Banale nicht fad ist. Das banale Abbilden oder das nacherzählen vom Banalen haut mich auch bei Snapchat nicht vom Hocker.

Und!
Mich stresst es, dass ich das nur in einer bestimmten Zeitspanne sehen kann. Ich will mir das angucken, wenn ich Zeit, Gelegenheit und Lust dazu habe. Ich will dem nicht hinterherhecheln. Sooo großartige Epen sind es nun auch nicht.
Und ich finde es auch schade um die Arbeit, Zeit und den Gehirnschmalz, die da drin stecken (und die  stecken da drin!) Warum für den Mülleimer produzieren?

Grundsätzlich finde ich die Idee, mit unterschiedlichen Snippets (Text, Foto, Video), aus der Hüfte kleine Geschichten zu erzählen, nämlich gut. Aber dieses Geheimnisdings bei Snapchat passt da irgendwie nicht dazu. Also, dass man nur jemandem folgen kann, wenn man den Benutzernamen kennt, dass es keine (Inspirations-) Quellen oder Verteilerstationen gibt wo man neue interessante Accounts findet, dass man nichts teilen oder sonst wie verbreiten kann.  Ursprünglich ist es ja ein Messenger, der hauptsächlich von Kids/Jugendlichen genutzt wurde, die sich gegenseitig Dinge zuschicken und für die ist das super so. Jetzt grätschen wir Alten da rein und wollen unser Storytelling Dings damit machen und das natürlich am Liebsten mit (sichtbarer) „Reichweite“.
Also, das ist irgendwie ein Spagat, von dem ich nicht weiß, wie Snapchat das lösen will. Jemand bleibt da auf der Strecke. Oder ein cleveres Startup macht sich flott diesen Bedarf zunutze.

Seit Anfang  des Monats gibt es ja nun das Feature, dass man die Snaps speichern kann und demnächst kommt die Werbung. Und wenn die App dann so hingebogen ist, dass sie als profitables Marketinginstrument in der Mitte angekommen ist, sind die Kids eh bei der nächsten App.

 

 

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2 Comments

  1. Liebe Ute,
    vielen Dank für diesen Text, der an vielen Stellen Punkte anschneidet, die ich auch kritisch sehe. Dramaturgie und Aufmerksamkeitsspanne sind hier relevante Stichwörter. Wenn wir (also Anne (kulturfritzi) und ich (kulturfritzen)) mit Snapchat unterwegs sind, versuchen wir eigentlich stets, einem roten Faden zu folgen, das gelingt mal mehr, mal weniger, ist abhängig von bekanntem oder unbekanntem Terrain, von der Begleitung, von der Ruhe, die man hat oder eben nicht, die man aber braucht, um konsequent und destilliert erzählen zu können. Hierin liegt aber auch der Reiz und die Herausforderung. Selten bin ich wirklich so ganz ganz doll zufrieden mit einer Geschichte, schätze aber gleichzeitig die Möglichkeit, dass eben nicht alles perfekt sein muss, dass etwas daneben gehen darf (Was mich bei Youtube-Videos stören würde, wo mein Anspruch ein ganz anderer ist; auch bei Instagram ist das so, dass ich das Nicht-Durchkomponierte (auch in der Abbildung des Alltags) nicht wirklich zu schätzen vermag. Bei Twitter darf das so sein, weil es – wie Snapchat – aktueller und flüchtiger erscheint).
    Anne und ich nutzen Snapchat nicht als Alltagskolportagemedium, sondern sehen uns eher als kleine Kulturvermittlungswerbeunterbrechung zwischen den persönlichen Berichten anderer Snapchat-Nutzer.
    Wir sind da zum Glück nicht die einzigen, und so schaue ich ganz gerne den Geschichtenmix, der mich erreicht, der in seinen einzelnen Episoden aber – und da hast Du recht – in vielen Fällen gerne knackiger komponiert sein dürfte.
    Liebe Grüße,
    Marc

    • Lieber Marc, genau deshalb hatte ich Euch auch erwähnt. 🙂 Du als Theatermensch und Anne als Theateraffine seid da im Vorteil und Euer Wissen zeigt sich dann da eben auch, selbst wenn es locker und (scheinbar) improvisiert aus der Hüfte kommt. Aber genau deshalb finde ich es so schade, dass die Stories schnell wieder weg sind und ich wer weiß wie viele schon verpasst habe.
      Liebe Grüße
      UTe

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