Wie die englische Musik in mein Leben kam

Ende der 6winstonfrancis0er, Anfang der 70er war einer meiner Onkel mit einer Frau zusammen, die bei EMI Electrola gearbeitet hat. Als sie einmal zu Besuch bei uns waren, bekam ich einen Packen Singels geschenkt. Ich war damals sechs oder sieben, hatte zwar schon die Musik für mich entdeckt, aber in der Welt der Popmusik war ich noch nicht bewandert. Mein Vater war nicht sehr  musikaffin, meine Mutter schon mehr, hörte Klassik und Schlager.
Damals war die Welt noch eine komplett andere, denn ich war Frühaufsteherin, meine Eltern Langschläfer und ich habe etliche Sonntagmorgen alleine im Wohnzimmer verbracht. Ich habe das geliebt, denn es war ein gefühlt selbstbestimmtes Leben in der Erwachsenenwelt. Ich habe gespielt, gemalt und Musik gehört. Entweder die Platten meiner Eltern oder Radio. Und da entdeckte ich die „englische Musik“.

Auch die Radiolandschaft war damals noch eine komplett andere – wir hatten ja nichts – und am linken Niederrhein hörte man als popkulturell interessierter Mensch BFBS, den Sender der britischen Streitkräfte. Und da habe ich eben diese englische Musik gehört, die ich damals schon viel interessanter und cooler fand, als das, was sich im elternlichen Plattenschrank befand, obschon ich natürlich auch alle die dort vorhandenen Schlager auswendig mitsingen konnte.

Nun hatte ich also einen Stapel eigener Platten mit englischer Musik (Ok, Erik Silvester ist ein kleiner Ausreißer, seinen Smash-Hit „Es schneit, es schneit, es schneit“ habe ich aber jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit als hartnäckigen Ohrwurm im Kopf).
Zuerst habe ich natürlich auf alle Cover meinen Namen geschrieben und angekreuzt, welches Lied mir besser gefiel. Da sich das im Lauf der Jahre immer mal geändert hat, sind auf manchen Platten beide Lieder angekreuzt. Auf manchen aber auch gar keins. Fand ich wohl nicht gut. Ein paar Jahre später wurde dann allle noch mit Adressstempel versehen. (Warum?)
Ich habe noch elf dieser Singels und weiß nicht, ob das alle waren, oder ob es noch andere gab, auf jeden Fall habe ich sie neulich hervorgekramt, (um ein kleines Neujahrsvine zu machen).

Ein paar echte Größen sind dabei: Ray Charles,  John Lennon and the Plastic Ono Band, Wings. Aber wer um alles in der Welt waren Jim Nelson oder M. J. Parker (hier macht sich noch jemand Gedanken um ihn). Ich habe diese Platten etliche Male gehört und ohne dass ich sie jetzt noch mal gehört habe, könnte ich Euch die Songs immer noch vorsingen.

Der Onkel lebt nicht mehr, was aus seiner damaligen Freundin geworden ist, weiß ich nicht, ich kann mich nicht mal an ihren Namen erinnern, aber sie war mitverantwortlich für meine Popmusik-Initiation. Und dafür bin ich ihr dankbar.

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10 Comments

  1. Vielen Dank für’s Teilen Deiner Erinnerung. Platten sind schon was Feines.

    Mit Onkel-Partnerinnen kann man allerdings auch Pech haben. Eine aus meiner Familie hat mir ungefähr auf dem Höhepunkt meiner Punk-Entdeckungsphase eine Platte der Münchner Freiheit geschenkt. „Deine Mutter meinte, über Musik würdest Du Dich bestimmt freuen.“ „Ja, äh, danke.“

  2. waaas, du hast noch Singles? Wie toll ist das denn? Ich hab mir letztens noch überlegt, dass ich unbedingt noch mal gucken muss, ob es gebraucht nen Mister Hit gibt. In orange! Das ist nämlich meine erste Assoziation beim Thema Mene erste Musikerfahrung!“

    Ich war mit 14 ganz stolz auf meine Single-Sammlung, die allerdings nicht ganz so ausgewählt war, wie bei dir 🙂
    Es gab die Baycityrollers und so grausame Sachen wie Lady bump. Uaaah. Aber egal, sie waren mein Schazzzzz…

    Nach meiner Geburtahsparty musste ich aufräumen und fegte alles Geschenkpapier in einen Eimer. Den trug ich zum Ofen (ja, wir hatte Ofenheizung damals) und schmiss den Inhalt mit Schwing hinein. Sofort loderten die Flammen! Und mitten im Feuer sah ich … meine Singles vor sich hin schmoren. Es hat Jahre gedauert, bis ich darüber hinweg kam!! Und wieder eine einigermaßen anständige Sammlung zusammen hatte!

    • Also, ich habe ja jetzt auch nur über den ersten Schwung geschrieben.
      Die später erworbenen Luv, Racey, Patrick Hernandez, Boney M., Donna Summer, usw. habe ich ja verschwiegen 😉
      Obwohl selbst diese schlimmen Sachen jetzt ja sehr amüsant sind. Und die Bay City Rollers fand ich auch super!

      Richtig cool sind aber auch die Singels die ich mir mit 14 in London gekauft habe. Singels ohne Cover, nur in so weißen, unbedruckten Hüllen, The Jam (Carnaby Street) und The Specials (Gangsters).

      Dass Deine Singles dann versehentlich in Flammen aufgegangen sind ist richtig bitter und den Schmerz darüber kann ich gut verstehen.

      • Ah, die Specials – die habe ich auch geliebt! Allerdings vor allem ihr zweites Album „More Specials“, das einen von reinem Ska deutlich weiterentwickelten Sound hat und eine zutiefst melancholische Grundstimmung. Aber auch Fun Boy Three, das Nachfolgeprojekt des Sängers Terry Hall, war sehr gut. So richtig erfolgreich wurde allerdings nur der weibliche Hintergrundchor, der als Bananarama einige Hits landete. Aber sehr schön, deine Musik-Erinnerungen zu lesen, und schön geschrieben. Meine erste Single war (äh) „Sugar Baby Love“ von The Rubettes. Die zweite Single war immerhin schon etwas avantgardistischer, „This Town Ain’t Big Enough for Both of Us“ von den unvergessenen Sparks.

      • “Sugar Baby Love” von The Rubettes war aber auch ein Smash Hit! 🙂 Fand ich damals auch super, das war die Bay City Rollers Zeit. 😉

        Da bist Du ja ein Kenner, ich hatte nur mal eine kurze Ska Phase und ich kenne auch immer nie die ganzen Hintergründe, die Musiker-Band-Rotationen, wer mit wem, usw. Bananarama war mal der Hintergrundchor von The Specials?? Das wusste ich gar nicht. Aber witzig, wie sich manchmal Kreise schließen, denn die sind mit die Tage wieder eingefallen, bei der Suche nach Foodsongs und „Food-Bands“ für den @Kunststrudel.

        Und danke für das Schreib-Kompliment!! <3

  3. Mit 7 hab ich nach meiner Erinnerung Ilja Richters DISCO gesehen und hängengeblieben ist „Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen“. Später (so mit 25) habe ich eine Sammlung Singles aus einer Gaststätten Auflösung in die Hände bekommen. Da waren tolle Sachen dabei von CCR bis NDW und die, die mich nicht interessierten wollte ich auf dem Flohmarkt verkaufen. Es war Sommer – mittags wurde es heiß – und irgendwann fingen die Platten an, sich zu verformen. Sie sahen dann aus wie dieses „Berg und Tal“ Fahrgeschäft auf dem Rummelplatz. Apropos: beim Autoscooter so mit 9-10? lief auch coole Musik.

    • Herrlich Frank! 🙂
      Wunderbar, welche Songs hier auftauchen. Das ist ja kollektives Gedächtnis und jeder hat sofort Assotiationen dazu. Kirmes … (Raupe!!) au weia … 😉

  4. Meine erste Single war (öm) von Wim und Wendelin: „Ich wünsch mir ne kleine Miezekatze“. Immerhin: die zweite war „Waterloo“ von Abba. Und bald ging’s dann jeden Samstag nach der Schule in den Plattenladen, den ein Ex-Soldat der Britischen Streitkräfte Mitte der 1970er Jahre in der Mindener Innenstadt eröffnet hatte. Dort gab es immer die neuesten Hits aus UK für 1 DM während sie in den anderen Plattenläden etwa 3 DM kosteten. Dort habe ich neben den Songs von MUD, Sweet, Suzy Quatro natürlich auch “This Town Ain’t Big Enough for Both of Us” erstanden. Und viele andere mehr. Dooferweise wurden sie bei einer heftigen Party Anfang der 1980er fast alle ruiniert. Muss trotzdem mal schauen, welche ich noch habe.

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