Obwohl das Programm so geschrumpft ist, war ich in diesem Jahr nur zweimal auf den Passagen unterwegs: Einmal in Kalk und einmal in Ehrenfeld.
Das Machwerkhaus in Kalk war eine echte Entdeckung für mich. So ein schöner Ort mit Hallen, Läden, Studios und Ateliers. Für mich hat es niederländisches Flair und im Sommer ist es da bestimmt noch hübscher.
Als erstes landete ich in der Halle von Freeters. Ein Kollektiv, dessen Produkte und Projekte zwischen Kunst, Architektur und Design oszillieren. Sie nennen sich Artistic Intelligence und das finde ich sehr passend und gelungen. Sie waren lange in Bonn und sind erst seit kurzem im Machwerkhaus. Was ich da gesehen habe, gefiel mir durchweg ALLES. Bei den Recherchen stieß ich auf den (Mit-) begründer Bernhard Zünkeler und einen sechsteiligen Film über ihn. Im letzten Teil geht es auch um Freeters. Und dann fiel mir ein, dass ich diesen Sechsteiler vor ein paar Jahren schon mal gesehen hatte.
Das Naturfärbeatelier Cosmaki färbt Textilien mit Pflanzenextrakten und Foodwaste, z.B. Granatapfelschalen oder Avocadokernen. (Die werden in der Gastronomie gesammelt) – alles ohne synthetische Zusätze. Ich war ganz verblüfft, wie kräftig diese Pflanzenfarben sein können.
Gefärbt werden u. a. ausrangierte Textilien aus Hotels: Handtücher, Servietten – aus denen entstehen Kissenbezüge – Badematten, usw. Auf der Kochplatte stand gerade ein Topf, in dem Krappwurzeln zu einer blutroten Farbe ausgekocht wurden. Mir gefällt, wie hier uraltes Wissen über Pflanzliche Farbe in Kombination mit Upcycling verbunden wird. Man kann hier auch Workshops buchen.
Myzelien
An zwei Stationen waren Menschen, die sich mit Myzelien – den fadenförmigen Zellen eines Pilzes – beschäftigen und erforschen, wie dieser schnell wachsende Naturstoff andere Materialien ersetzen kann.
Lina Hülsmann denkt in die Richtung Baustoff, Raumgestaltung, Innenarchitektur, temporäre Bauten, wie Messestände etc. Sie produziert kleinere Gegenstände, wie Lampenschirme, Hocker und Blumentöpfe. Sie bietet auch Workshops an.
Der Bio-Designer Moritz Plöns arbeitet in eine Leder-Ersatz Richtung. Das heißt, das Myzel bleibt weich und hat tatsächlich eine ganz samtige Oberfläche und riecht sogar ein ganz wenig nach Leder. Es ist zwar nicht 100% reißfest, aber doch relativ stabil. Für Baby-Krabbelschuhe ist es bestimmt gut geeignet. Er hat auch eine Leuchte aus dem Material gefertigt, eine feste Halbkugel mit einer ganz weichen und samtigen Oberfläche. Ich hatte es angefasst und durch die Wärme des Leuchtmittels hatte es fast was lebendiges. Ich habe kurz überlegt, ob ich die als quasi Haustierersatz kaufen soll.
Handwerksdesign
In einer großen Halle präsentierte sich das Raft Collective, [Instagram] das aus sieben Handwerksdesigner*innen und Produktdesigner*innen besteht und bei dem die handwerkliche Expertise eine große Rolle spielt. Nachdem ich gerade “aus den Pilzen” kam, sprang mich hier gleich die Lichtskulptur von Rosalie Buchtal an. Sie hat aus alten Deckenleuchten dieses Objekt erdacht und ich finde das ist eine großartige Idee.
Meine Aufmerksamkeit erregte dann noch diese Leuchte aus Wellpappe von Mike Wirthensohn , die der Form eines opulenten Kronleuchters nachempfunden ist. Mir ist in letzter Zeit sowohl in der Kunst, als auch im Design immer mal wieder die Wellpappe begegnet und ich fühlte mich in die 80er Jahre zurückkatapultiert, als Wellpappe, auch im Möbeldesign, schon mal eine Rolle spielte. (Ich hatte im Studium mal eine Ausstellungsgestaltung mit Wellpappe konzipiert). Komisch, dass sich das nicht dauerhaft durchgesetzt hat, schön, wenn es wiederkommt.
Jetzt beim Nachlesen ist mir noch das Regalsystem fleco von Paul Vietz aufgefallen, das ohne Leim und Schrauben, nur durch eine geniale Steckverbindung hält.
Mein persönliches Highlight war dann noch die Entdeckung der Lederwerkstatt und Maßschuhmanufaktur Draufgänger. Ein Ort wie aus einer anderen Zeit. Hier kann man alles aus Leder reparieren lassen und sich Maßschuhe anfertigen lassen. Es werden auch diverse Workshops angeboten und der Knaller ist, dass man sich da seine eigenen, maßgefertigten Schuhe selber produzieren kann.
Ehrenfeld
An einem anderen Tag war ich in Ehrenfeld. Aber lange vorbei sind die Zeiten, als man hier in vielen Straßen – vornehmlich in der Körnerstraße – in vielen kleinen Läden und Ateliers spektakuläre, experimentelle und verrückte Dinge entdecken konnte.
Also in die Pattenhalle, wo die Designersfair residiert und laut Veranstalterin “junge,freie Designer:innen mit Up-and-coming-Status” ausstellten.
Einiges hatte ich schon letztes Jahr gesehen, so wie die schlanken Möbel von das kleineb, eine kleine Holzmöbel-Manufaktur, ursprünglich aus Hamburg, jetzt in Dänemark angesiedelt. Das passt, finde ich: Die dezenten, intelligenten und eleganten Möbel mit minimalem Materialeinsatz fügen sich gut ins skandinavische Design.
Sehr hübsch finde ich die Idee von Rheinwolle. Sie fertigen europäische Jahrgangs-Teppiche: Die Wolle kommt ausschließlich von Schafen, die in Köln die Rheinwiesen pflegen, die Wolle wird in Belgien gewaschen und in Ungarn zu Teppichen gewebt.
(Ob die Wolle in Verviers gewaschen wird? Vervier war mal ein Zentrum des Wollhandels und der Textilindustrie. Bei der letzten KultourWallonie besuchte ich das Museum Musée Aqualaine und habe dort einiges über die Wollverarbeitung gelernt.)
Die Akademie für Gestaltung war auch wieder da und präsentierte aktuelle Produkte und Projekte sowie die Akademiekollektion des 5. (!) Semesters.
Hier gefielen mir die Ringe aus Borosilikatglas von Lara Schulze Scholle [Instagram] sehr gut.
Moira Wolscht [Instagram] kreierte ein Wissensspiel zu Designerinnen und ihre Arbeiten. Dem wünsche ich einen amtlichen Produzenten und große Verbreitung.
Was ich sonst noch in der Pattenhalle entdeckte, verblogge ich demnächst beim Kunststrudel.