Assoziatives Gedankenhopping zu Grün

Grün ist meine Farbe. Schon sehr lange.

Ich erinnere mich an eine Situation vor vielen Jahren, als ich mit einer Gruppe von Freunden in Frankreich Urlaub machte und wir in St. Tropez durch Boutiquen bummelten und Dinge anprobierten, die wir niemals kaufen oder tragen würden, ich ein enges, langes, olivgrünes Kleid anzog und eine Freundin sagte, dass mir das sehr gut stehen würde und die Verkäuferin das bestätigte, weil es die Farbe meiner Augen hätte. Eine echt gute Beobachtungsgabe der Verkäuferin und für mich als Fashion-Niete war das ein Schlüsselerlebnis. Seitdem ist Grün auch eine häufig vorkommende Farbe in meinem Kleiderschrank. (Wobei ich es auffällig finde, wie schwierig es ist, schöne grüne Schuhe zu finden!)

Grün, grün, grün sind alle meine Kleider

Als ich vor elf Jahren das Corporate Design für frau Vogel entwickelte, war klar: da muss Grün rein und ich orienterete mich am frischen HKS 66, wobei es dann doch mehr Richtung Maigrün ging.

HKS 66 K

Die Farbe des Jahres 2017 ist Greenery – Pantone 15-0343. Die ist zwar nicht so frisch wie Pantone es in seinem Pressetext behauptet, aber nojo.

Im letzten Jahr gab es im Marta die Ausstellung Grün stört – im Fokus einer Farbe.
Was für eine coole Idee, einer Farbe eine Ausstellung zu widmen. Schlimmerweise habe ich es nicht geschafft, mir die Ausstellung anzuschauen, aber ich habe den Katalog mit großem Genuss und Interesse gelesen. So war mir zum Beispiel gar nicht klar, was für eine komplizierte Farbe Grün ist. Die Pigmente verhalten sich offensichtlich etwas zickig, so dass es schwierig ist, eine größere Fläche gleichmäßig zu streichen. Meine Bürowände sind partiell grün und auch ich hatte beim streichen Probleme mit der Gleichmäßigkeit, dachte aber, es läge an mir, oder an einer vielleicht nicht so guten Farbe.

Grün gehört nicht zu den Primärfarben der Dreifarbentheorie, ist aber die Komplementärfarbe zu Rot hat den gleichen Helligkeitswert, sprich Wellenlänge. Was man gemeinhin als Farbblindheit benennt – echte Farbblindheit ist sehr selten – ist meistens eine Rot-/Grünverwechslung, das betrifft laut Wikipedia ca. 5% der Bevölkerung und tritt überwiegend bei Männern auf.

Goethe schrieb in seiner Farbenlehre Grün das Attribut ’nützlich‘ zu.

 

In der Malerei und Färberei war Grün lange eine schwierige Farbe, weil kein leuchtendes, stabiles Pigment zu finden oder herzustellen war. Grünspan und Malachit sind giftig, ebenso wie das um 1805 entwickelte arsenhaltige Schweinfurter Grün. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts war die chemische Industrie in der Lage ungiftiges leuchtendes Grün herzustellen. Grün wurde also aus Blau und Gelb gemischt, hatte demnach aber keine große Leuchtkraft und war auch oft nicht von Beständigkeit. Demzufolge werden Grün auch die Eigenschaften trügerisch, unzuverlässig oder gewöhnlich zugeschrieben.

Grün assoziieren wir in der Regel zuerst mit Frische und Natur, Grün steht für Bio, Nachhaltigkeit, gesund. Etymologisch geht das auf Worte mit der Bedeutung wachsen oder sprießen zurück. Wer grün hinter den Ohren ist, ist jung und unerfahren. In der Natur ist grün allgegenwärtig, was also dort von biologischer Bedeutung ist (Blüten, Früchte), muss sich farblich davon absetzen. Grün ist das Normale, eine Hintergrundfarbe. Grün ist eine Leerstelle, ein Platzhalter, der Greenscreen im Film ist Projektionsfläche für nachträglich und zusätzlich Eingefügtes. Grün ist die Hoffnung und die Symbolfarbe des Islam.

Frankfurter grüne Soße ist – grün, Thüringer grüne Klöße werden aus rohen Kartoffeln gemacht.

 

Aber auch Giftiges ist grün (Giftgrün), Grün ist in der Natur auch eine Warnfarbe. (Kartoffeln, Tomaten), bittere Galle ist grün. Man ist sich nicht grün, wenn man sich nicht mag.

In der Farbpsychologie steht Grün für Wachstum, Ausgleich und Harmonie, ein helles Grün für Passivität (auch das kommt von Herrn Goethe), Unsicherheit, Angst, Eifersucht, Sturheit. In der tibetanischen Mythologie wird Grün mit dem Element Luft verbunden, das einen offenen, zugewandten Geisteszustand assoziieren lässt.

Es ist wissenschaftlich belegt, dass Grün Müdigkeit verringern kann. Neueren psychologischen Forschungen nach befördert Grün die Kreativität, da es zu einer entspannten Atmosphäre beiträgt. Wem an Status und Dominanz gelegen ist, ist kein Fan von Grün (Schon mal einen grünen Ferrari gesehen?)

Im Musical My Fair Lady grünt es so grün, wenn Spaniens Blüten blühen (was für ein Quatsch) und dieser Satz wurde quasi zur bestandenen Artikulationsübungsprüfung von Fräulein Doolittle.

In Operationssälen hat das Grün eine ganz praktische Funktion:

  1. Die Leistung der im Operationssaal verwendeten Leuchten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Bei der heutigen Leuchtstärke würde die ursprünglich weiße Dienstbekleidung in etwa genauso stark blenden wie eine schneebedeckte Landschaft. Als Resultat würden die Augen schneller ermüden. Grün absorbiert das Licht hingegen weitgehend und blendet somit nicht unangenehm.

  2. Grüne Textilien unterdrücken den Nachbild-Effekt. Wer einige Zeit einen bestimmten Farbton betrachtet und danach eine weiße Fläche ansieht, erkennt dort einen Fleck in der Komplementärfarbe. Da Grün bekanntlich die Komplementärfarbe von Rot ist, tritt dieser unerwünschte Effekt bei grünen Laken und grüner OP-Bekleidung nicht auf.

  3. Es ist nötig, einen Farbkontrast zur OP-Fläche zu bilden, so sind z.B. auch die Abdecktücher des OP-Feldes grün oder blau. Wären diese Tücher weiß, dann würden sie, bedingt durch die Blutungen des OP-Gebiets, im Laufe der OP auch rot werden und die Ärzte könnten das OP-Gebiet nicht mehr gut überblicken. Der Farbkontrast ist bei den oft stundenlangen OP´s dringend nötig, weil sonst das OP-Gebiet vor den Augen der Ärzte verschwimmen würde.

  4. Grün wird ebenso wie Blau eine beruhigende Wirkung zugesprochen. Auf einen ängstlichen Patienten, der gerade in den OP-Saal geschoben wird, wirkt dieser also weniger bedrohlich.

Grün ist also doppeldeutig, widersprüchlich, sowohl negativ als auch positiv besetzt.

 

O edles Grün,
das wurzelt in der Sonne
und leuchtet in klarer Heiterkeit,
im Rund des kreisenden Rades,
das die Herrlichkeit des Irdischen nicht erfaßt:
umarmt von der Herzkraft himmlischer Geheimnisse
rötest du wie das Morgenlicht
und flammst wie der Sonne Glut.
du Grün
bist umschlossen von Liebe.

Hildegard von Bingen

 

Die coolsten Songs, die ich zu Grün gefunden habe:

 

Als die Ausstellung Grün stört startete, war das zum Zeitpunkt des 10-jährigen Jubiläums von frau Vogel und ich habe beides irgendwie verpennt, das 11-jährige ist jetzt auch knapp vorbei, aber weil ich diese Woche Geburtstag habe, ist das ein guter Zeitpunkt, diesen Beitrag, der mir schon so lange im Kopf rumgeistert, jetzt endlich zu schreiben.

Und ich lasse jetzt noch ein bisschen meine grünen Augen besingen.

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viele Informationen in diesem Text habe ich aus der Publikation zur Ausstellung, die sich noch ausführlicher mit der Farbe in Bezug zur Kunstgeschichte und Gegenwartskunst beschäftigt und die ich sehr empfehle: Grün stört. Im Fokus einer Farbe. Ausstellungskatalog, 2016, Marta Herford

 

 

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2 Comments

  1. Liebe Ute,

    oh, wie wunderbar. Eine Ode an das Grün. Love it!!! Ich mag Grün auch sehr und habe auch viele grüne Kleider, obwohl meine Augen blau sind. Aber ich fühle mich vom Grün magisch angezogen. Witzigerweise haben wir gestern Abend beim #artedutalk auf Twitter mit einer kurzen Übung zur Farbassoziationen begonnen. Und ich wählte Gritzegrün. Das ich dann mit dem Anregen der Synapsen verglich, das via Kunstvermittlung gelingen sollte.

    Ich mochte ja auch dein Fotoprojekt sehr, zu dem ihr mal diesen coolen Kalender rausgegeben habt. Mach doch eine Serie und blogge noch zu anderen Farben. Ich mag das.

    Herzliche Grüße von Anke

    • Liebe Anke, vielen Dank!
      Gritzegrün, das Wort kannte ich gar nicht. 🙂
      Hah! Das Farbfotoprojekt“ Stimmt, ich habe ja schon mal was zu Farben gemacht … 😎 und mit Farbsounds. Leider ist die Seite so gar nicht responsive. http://www.fotokruefen.de/gruen.htm

      Das nächstliegende wäre dann ja Orange. Ich habe auch schon kurz überlegt, das wär aber dann viel mehr Rechercheaufwand, denn jetzt hat die Publikation vom Marta schon ganz schön viel hergegeben. aber ich behalten das mal im Kopf.

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