Inventing Nature – Kunsthalle Karlsruhe

Seit ca. einem Jahr gehe ich mit Inventing Nature im Kopf umher. Die Ausstellung der Kunsthalle Karlsruhe sollte ursprünglich im Frühjahr 2020 eröffnen – dann kam allerdings die Corona-Pandemie dazwischen. Wir Herbergsmütter wurden damals schon angefragt, ob wir dazu eine Aktion im digitalen Raum entwickeln wollten – ja, wir wollten! – nun ja, alles hat sich um ein gutes Jahr verschoben.

Nachdem wir jetzt im September/Oktober 2021 mit #JetztKunstPflanzen (Twitter & Instagram) uns selbst und andere begeistert haben, war ich nun endlich in Karlsruhe und zum ersten Mal in der Kunsthalle, um mir die Ausstellung anzugucken und konnte das idealerweise mit einem von der Kunsthalle organisierten Instawalk verbinden.

Die Ausstellung zeigt, wie sich die Beziehung zu und der Blick auf die Pflanzen und die Natur gewandelt hat und wie dies in der Kunst zum Ausdruck kommt. Das trifft den Zeitgeist-Nagel natürlich auf den Kopf. Was mich nach der Betrachtung des Katalogs schon vorab begeisterte, war die Kombination von (na ja ich sag mal) „alter“ und zeitgenössischer Kunst.

Man wird durch acht Kapitel geführt und bei „Flora: Metamorphose, Symbiose, Hybride“ von der schönen Frau Flora von Jean-Baptiste Carpeaux begrüßt.

Relief "Triumph der Flora" von Jean-Baptiste Carpeaux

 

Bei den Stones von Erwin Wurm erfuhren wir von der Kuratorin Dr. Kirsten Voigt, dass das Moos auf den Steinen auch im Ausstellungsbetrieb besonderer Pflege bedarf. Es muss regelmäßig mit Wasser besprüht und mit UV-Licht beleuchtet werden. Die ursprüngliche Idee, man könne das Moos ja nachts mit UV-Licht beleuchten, war keine gute, denn Moos hat einen eigenen Biorhythmus und will das UV-Licht tagsüber haben. Ich finde solche konservatorische Aspekte bei Kunst ja immer superinteressant!

Pflanzen-Formen-Sprachen

Ein heimlicher Liebling von mir ist das Blumenstillleben im grünen Krug von Odilon Redon (1866-1868). Ganz bescheiden, drei Wiesenblumen in einem schlichten Krug. Durch diesen Minimalismus bekommen sie ihre Würdigung. Hoch lebe das Mauerblümchen! Begeistert hat mich die exzellente Malerei von Clara Peeters, die 1612 sehr innovativ war mit der malerischen Darstellung von Blumen in Verbindung mit Artefakten und sehr selbstbewusst hat sie sich in den Spiegelungen des rechten Pokals mehrfach portraitiert. Eine Frau! 1612! Sehr amüsant sind die Portraits in Vasenform von Thomas Rehberger. Hier ein Portrait von Andreas Slominski. Die Portraitierten wurden gefragt, was ihre Lieblingspflanzen seien und bei Slominski war es halt der Kaktus.

Die Rose für direkte Demokratie von Joseph Beuys hatte ich vor ein paar Wochen schon in der Bundeskunsthalle gesehen. Beuys hatte zur documenta 1972 sein „Büro für direkte Demokratie durch Volksabstimmung“ eingerichtet und diskutierte dort mit jedermann. Auf dem Tisch stand immer eine Vase mit einer Rose. Dazu gibt es ein Foto mit dem Titel Ohne die Rose tun wir’s nicht und das Multiple einer Rose in einem Messzylinder. Was mir neu war, dass im Mittelalter die Redewendung „unter einer Rose sprechen“ ein Synonym für vertrauliche Gespräche war. Und das hat ja gerade einen tagesaktuellen Bezug (Sondierungsgespräche der designierten Bundesregierung). Dass man die Arbeiten des grunddemokratischen Künstlers Beuys nicht digital zeigen darf, ist allerdings immer wieder ein Riesenärgernis.

(Leseempfehlung hierzu: KunstArztPraxis:  Unsichtbarkeits-Maschine, die und  Joseph Beuys und die Unsichtbarkeits-Maschine )

Die Rose wird alle paar Tage ausgetauscht, wie auch die Blumen in den Vasen von Thomas Rehberger und mit dem Moos auf den Stones von Erwin Wurm war so auch lebendige Natur in der Ausstellung. Zu diesem Aspekt hätte ich mir vielleicht noch ein bisschen mehr gewünscht.

Der forschende Blick: Präzisierung und Erweiterung

Komplett begeistert und beeindruckt war ich von den zarten Arbeiten von Christiane Löhr, die aus Gräsern und Pflanzenteilen kleine architektonisch anmutende Wunderwerke kreiert. Die darf man wegen der Unsichtbarkeitsmaschine auch nicht zeigen, aber bis zum 3.12.2021 gibt es einen schönen Beitrag  über ihre Arbeit (Ab Minute 23:55) Twist / arte.tv

Unter Bäumen

Berührt hat mich die Fotoserie von Lois Weinberger von 1977. Er lebte in Tirol am Inn und wenn dieser Hochwasser führt, wird jede Menge Müll aufs Land gespült und bleibt dort liegen oder in den Bäumen hängen. Für seine Aktion Baumfest hat er dieses Zivilisationstreibgut gesammelt und als Schmuck in einen Kirschbaum gehängt. Meine Assoziation war natürlich sofort das Hochwasser an Erft und Ahr im Juli diesen Jahres.

Vegetation und Lebensraum

Der Hingucker und mein absolutes Ausstellungs-Highlight war Pflanzen dichten von Gerda Steiner + Jörg Lenzlinger. Ein großer runder Tisch auf und über dem unzählige, auf den ersten Blick quietschbunte, fröhliche Dinge arrangiert sind. Bei näherer Betrachtung entdeckt man einen abgründigen, geheimnisvollen, aber auch lustigen Kosmos, der mich in Ausschnitten auch an die Bilder von Hieronymus Bosch erinnerte. Der rosa Puschel, den man auf einem Foto sieht, ist ein eingefärbtes kristallines Gebilde (ich habe es nicht ganz verstanden, in der Ausstellung hieß es, irgendwas mit Stickstoff-Dünger, im Katalog steht was von Harnsäure). Auf jeden Fall wird auch das regelmäßig besprüht und wächst während der Ausstellung weiter.

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Vegetabile Residuen

Sehr berührend und ja, traurig, ist die Installation Study for a Monument von Abbas Akhavan, der vergrößerte Bronzeabgüsse von Pflanzenteilen auf weißen Tüchern auf dem Boden auslegt. Es sind Pflanzen, die ursprünglich zwischen Euphrat und Tigris, im heutige Irak, heimisch waren. Dieses Gebiet wurde in den 1990er Jahren während der Golfkriege stark beeinträchtigt und die Lebensgrundlage für Menschen und Pflanzen zerstört. Die Bronzen liegen da wie auf Leichentüchern.

Endliche Ressourcen

Im letzte Kapitel der Ausstellung ist die eindrücklichste Arbeit von Julian Charrière: Ein Video, das einen Zusammenschnitt von fallenden, gefällten Bäumen zeigt. Es sind weitere Gemälde und Zeichnungen von Landschaften und vor allem Bäumen zu sehen und gleich muss ich an die aktuelle Papierkrise denken, denn mit dem eigentlich nachwachsenden Rohstoff ist es gerade kompliziert.

Nun möchte ich aber die Ausstellung und diesen Beitrag ungerne traurig und pessimistisch verlassen bzw. beenden. Denn es gab noch so viele Kunstwerke, die mich erfreuten, erstaunten, zum Nachdenken anregten und mannigfaltige Aspekte zum Thema Natur boten. Zum Beispiel die amüsante Fotoserie von Andreas Züst über Verkehrskreisel und deren Gestaltung, die quietschbunten Gemälde von Julia Schmid, hinter denen eine ernsthafte Feldforschung steckt, oder die herrlichen Fotos von Simone Demandt von Pflanzenmodellen für botanische Lehrzwecke. Ich bin eine große Freundin von Konzept-Ausstellungen und die Beschäftigung mit diesem Thema hat definitiv wieder meinen Blick geweitet.

Aber ich kann ja nicht alle beschreiben. Besorgt euch den sehr guten Katalog, oder besucht die Ausstellung noch bis zum 31.Oktober 2021, bevor die Kunsthalle wegen Renovierung für lange Zeit schließen wird.

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Lest gerne auch die Beiträge von Anke und Wibke, die andere Dinge der Ausstellung im Fokus hatten.

 

6 Kommentare

  1. Super, liebe Ute. So sehe ich die Ausstellung noch einmal mit deinen Augen. Spannend auch: ich habe die Arbeiten von Abbas Akhavan bei meinem Besuch gar nicht so wahrgenommen. Obwohl sie ja sehr präsent sind. Aber jetzt kann ich nochmal im Katalog nachlesen.
    Liebe Grüße
    Anke

    • Ja interessant, jede:r hat ja so seine/ihre Vorlieben. Du hattest bei Dir auch über Bilder geschrieben, die ich gar icht so beachtet hatte. (Ich verlinke jetzt noch Deinen Blogpost.)

  2. Odilon Redon. Für mich eine Entdeckung in dieser Ausstellung. Vielleicht auch wegen des Zitats, mit dem ich gerade eben meinen Blogbeitrag begonnen hatte. Aber das kleine Stillleben berührte mich.

    Wirklich schön, die Ausstellung nun aus unseren verschiedenen Blickwinkeln nochmal zu sehen und das Ein oder Andere im Katalog nachzulesen …

    • Echt witzig, dass wir alle drei den Herrn Redon so ins Herz geschlossen haben. Und wirklich interessant, eine Ausstellung aus unterschiedlichen Perspektiven, mit unterschiedlichen Fokussen nachzulesen. Das Zitat war mir vor Ort gar nicht aufgefallen, schön, das als Auftakt in Deinem Blog zu lesen. <3

  3. Ein schöner Beitrag liebe Ute – auch die Einblicke in die ganz unterschiedlichen Emotionen, in die einen die verschiedenen Exponate versetzen. Nochmals herzlichen Dank für deinen Besuch!!
    Herzlichste Grüße aus der Kunsthalle
    Tabea

    • Das freut mich sehr, liebe Tabea. Danke, dass ich zu Gast sein durfte, es war wirkliche sehr schön, euch mal wieder in Echt zu sehen.

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