Berlin 2016 – drei Ausstellungen, ein Theaterstück

 Manifesto

Von Manifesto hatte ich schon vor einiger Zeit gelesen und wollte es unbedingt sehen und hatte mir das für die Ruhrtriiiennale vorgenommen, aber als ich feststellte, dass es in Berlin lief, als ich dort war, bin ich natürlich sofort hin.
Es ist nicht so, dass ich ein ausgesprochenes Cate Blanchett Fangirl bin, ich mag sie, sehe sie immer gerne, aber wenn man mich gefragt hätte, in welchen Filmen sie gespielt hat, wäre mir spontan nichts eingefallen. Da musste ich dann peinlicherweise erst mal googeln. Aber ja klar: Indianer Jones, Elizabeth, Herr der Ringe, Babel, …

Nachdem ich nun Manifesto gesehen habe, bin ich absolut hingerissen von ihr. Man hat das ja nicht oft, dass man eine/n SchauspielerIn quasi zeitgleich in verschiedenen Rollen sieht. Zuletzt habe ich das in der Serie Black Orphan gesehen, großartig gespielt von Tatiana Maslany.

Cate Blanchett spielt also zwölf absolut unterschiedliche Typen (Obdachloser, Brokerin, Punkerin, Grundschullehrerin, etc.). Und das so grandios. Sprache, Stimme, Gestik, Habitus, was für eine schauspielersche Leistung. Bei jeder Figur denkt man, klar, so einen Typ kenne ich. Und dann die Akribie in Ausstattung, Maske und Kostüm. Bis ins kleinste Detail wurden die Figuren gestaltet: unterschiedliche Augenfarben, hier eine kleine Warze, da ein kleiner Buckel, bis hin zu kleineren und größeren Manipulationen im Gesicht. Unglaublicherweise wurde das auch in nur zwölf Tagen gedreht.

Dann die Locations, in denen gedreht wurde, alle in und um Berlin herum, alle sehr besonders und für jeden Film sorgfältig ausgewählt: Teufelsberg, Friedrichstadt-Palast, ZDF-Hauptstadtstudio, BSR Abfallbehandlungswerk Süd, u. a.. In wunderbaren, langsamen schwebenden Kamerafahrten gefilmt, die in manchen Filmen wie one-takes und Loops wirken. Totalen verengen sich zu Nahaufnahmen und andersherum. Die Totalen erinnern manchmal an die Fotos von Andreas Gursky.

Manifesto - julian RosefeldtDie 13 Filme laufen parallel auf 13 Leinwänden. Im Hamburger Bahnhof ist das so installiert, dass man immer drei bis vier Filme aus dem Augenwinkeln mitsieht, während man vor einem steht. Die Tonspuren aller Filme kann man immer mehr oder weniger intensiv hören. Aber irgendwie stört das nicht sehr. Im Gegenteil, alles verdichtet sich.

Als ich zuerst von  Manifesto hörte, dachte ich, dass pro Film ein Manifest gesprochen wird. Dem ist aber nicht so, Es sind jeweils Collagen verschiedener Manifeste, aber immer zu einem Thema. So wurden zum Beispiel zum Dadaismus Manifeste von Tristan Tzara, Francis Picabia, Georges Ribemont-Dessaignes, Paul Eluard, Louis Aragon und Richard Huelsenbeck montiert, oder zu den Filmmanisfesten, Texte von Stan Brakhagen, Jim Jarmusch, Lars von Trier und Werner Herzog.

Rosefeldt lässt die Texte alle von Gegenwartsfiguren sprechen, bis auf eine Ausnahme, von Frauen. (Fast alles Manifeste sind übrigens von Männern geschrieben.) und inszeniert sie in zum Teil offensichtlich passenden oder widersprüchlichen Settings. Das Pop Art Manifest von Claes Oldenburg, wird als Tischgebet einer konservativen Familie gesprochen, die dadaistischen Manifeste als Grabrede auf einem Friedhof, oder die Architekturmanifeste, die von einer Arbeiterin in einer Müllverbrennungsanlage, gesprochen werden. Alle Texte bekommen so eine neue Farbe.

Und hier ist mein großer Kritikpunkt an die Präsentation im Hamburger Bahnhof: Es gab keine Untertitel. Alle Texte wurden natürlich auf englisch gesprochen. Ich bin wirklich nicht die einzige, deren Englisch nicht sehr gut ist und da wurde sehr viel verschenkt.
Immerhin wird es bei der Ruhrtriennale Übertitel geben.

Hier noch ein Kurzinterview vom BR mit Julian Rosefeldt, der ein echeter Cate Blanchett Fanboy ist.

Im Hamburger Bahnhof ist Manifesto noch bis zum 10. Juli zu sehen, vom 13. August – 24. September im Rahmen der Ruhrtriennale im Duisburger Landschaftspark.

Isa Genzken

Am Freitag nach der Performersion ließ ich mich so durch die Stadt treiben und landete beim Gropiusbau, wo ich mir die Retrospektive von Isa Genzken ansah.

Isa Genzken - mach Dich hübsch, Gropiusbau, BerlinSehr großartig, sehr vielfältig und unterschiedlich. Objekte, Skulpturen, Künstlerbücher (hinter Glas, sehr blöd), Readymades, Malerei, Assemblagen. Berlin, New York, Popkultur, Kommunikation, bunt, schräg, ein bisschen 80er, dazwischen elegante Holzskulpturen (in den 70ern am Computer entworfen), oder rohe Betonarbeiten.
„Mach Dich hübsch“ ist der Titel der Ausstellung. Humorvoll? Ironisch? Provokant?

Die Arbeiten gefallen mir sehr, die Vielfalt an Themen und Materialien, machen Lust, mich weiter mit ihnen zu beschäftigen.

Für meinen Geschmack wirkte die Ausstellung allerdings wie ein bisschen lieblos in viel zu kleine Räume gepfercht und in diesem be- und erdrückenden Gropiusbau scheint sie auch ein bisschen fehl am Platz zu sein.

Noch bis zum 26. Juni 2016 zu sehen.

 

Cindy Sherman

Ich tändelte weiter und entdeckte ein Plakat mit dem Hinweis zu einer Cindy Sherman Ausstellung. Also hin.


Cindy Sherman ist eine meiner frühen Fotografie-Heldinnen, vielleicht sogar die erste Fotografin, die ich bewusst wahrgenommen habe. Die Ausstellung im me collectors room Berlin zeigt ausschließlich Werke aus der Sammlung. Die ist zwar durchaus umfangreich aber in Bezug auf die einzelnen Serien ncht vollständig. Viele Fotos kannte ich, nun aber immerhin mal im Original gesehen. Sehr fabelhaft fand ich die Serie der „Hollywood/Hampton Types – 2000-2002“, die ich noch gar nicht kannte, Fotos von Karikaturen amerikanischer Stereotypen, die Sherman mit ihrer Lust am Verkleiden fabelhaft darstellt.
-> Ausstellungsbroschüre [PDF]

Noch bis zum bis 28. August 2016 zu sehen.

Quasi zufällig habe ich dann noch die Ausstellung „Private Exposure“ am gleichen Ort entdeckt. Sehen und gesehen werden, Privates vs. Öffentliches. Das, was uns ständig im Social Web begleitet, wird hier mit unterschiedlichsten Arbeiten, u. a. von Timm Ulrichs, Evan Penny, John de Andrea, Alicja Kwade, Marina Abramovic, John Isaac, aus verschiedenen Dekaden des 20. Und 21. Jahrhunderts, bei denen das Social Web gar nicht das Thema ist, gezeigt. Darum um so interessanter.

Noch bis zum 22. Juni zu sehen.

Die Männerspielerin

Ich dachte da auch gleich an die „Die Männerspielerin“ und die Frage nach Identität und Selbstinzenierung.
Das stand nämlich am nächsten Abend auf dem Programm. Ihr erinnert Euch? Anfang des Jahres rief Marc Lippuner im Rahmen seiner Vorbereitung zur Inszenierung zu einer Blogparade auf, zu der ich auch was geschrieben hatte.
Die Premiere war Ende Februar und ich hatte Glück, dass es in „meiner“ Berlinwoche noch mal gespielt wurde. Endlich war ich im Theater unterm Dach vor Ort und war sehr gespannt auf das Stück von Portfolio Inc., wo ich doch im Vorfeld schon so viel von den Vorbereitungen mitbekommen hatte. Einen ersten Herzschlag bekam ich, als ich sah, dass ich im Programmheft zitiert wurde.


Die Herausforderung bei dieser Art von Theaterarbeit, ist ja die Inszenierung, wenn man sich mit Textfragmenten, -collagen ein Thema erarbeiten und kein Stück mit Handlungsanweisungen hat. Das wurde aber sehr prima gelöst und von den beiden Schauspielern Judica Albrecht und Thomas Georgi ganz fabelhaft umgesetzt, die Anaïs Nin und Otto Rank sehr lebendig werden ließen. Für meinen Geschmack gab es klitzekleine Längen, was aber zu vernachlässigen ist.
Sascha Krieger hat eine wunderbare Kritik dazu geschrieben.

Noch zwei Vorstellungen, am 9. und 10. Juni.

 

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3 Comments

  1. Liebe Ute,

    wunderbar, dein dritter Beitrag von der Berlin-Reise. Das war ja ein intensives Ding! Manifesto sah ich auch und ich fand die Idee genial. Habe aber den Fehler gemacht, erst am Ende eines längeren Marathons von Ausstellungsbesuchen und Begegnungen reinzugehen. Da war mir das Überlagen einfach zu viel und ich konnte die Präsentation überhaupt nicht genießen. Übrigens musste ich bei der Performance von Cate Blanchett immer an Cindy Sherman denken. Dieses Mimikry-Ding ist sicher auch von ihr beeinflusst.

    Isa Genzken habe ich mir auch angesehen und fand den Gropius-Bau auch extrem anstrengend. Aber die Künstlerin mal in ihrer ganzen Bandbreite zu sehen … das löst was aus.

    Die Männerspielerin – ich fand es auch ganz zauberhaft.

    Ach, es zeigt sich immer wieder: Berlin ist eine Reise wert!

    Liebe Grüße von Anke

    • Ich kann mir gut vorstellen, dass das dann anstrengend bei Manifesto war. Es dauert ja auch gut zwei Stunden, wenn man alles sehen will. Witzig Deine Assoziation zu Cindy Sherman! 🙂

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