Museumsperle: Die Puppentheater-Sammlung im Münchner Stadtmuseum

In der Regel gehe ich doch überwiegend in Kunstmuseen- / Ausstellungen. Als ich neulich in München war, ging ich ins Stadtmuseum – weil ich unbedingt die Ausstellung „No secrets! – Bilder der Überwachung“  sehen wollte.

2002 habe ich im ZKM ctrl space gesehen und das hat mich nachdrücklich beeindruckt. Das Thema ist natürlich immer aktuell und die Aspekte ändern sich. Seit Edward Snowden und Julian Assange, NSA, Prism, Big Data, der fortschreitenden Digitalisierung und Social Media sowieso.

Die einzelnen Objekte und Arbeiten bei No secrets waren interessant, die Gesamtkonzeption der Ausstellung hat mich aber nicht überzeugt, weil sie sich wohl nicht so recht zwischen Dokumentation und künstlerischer Auseinandersetzung entscheiden konnte. Die Ausstellung ist zweigeteilt, einen weiteren Part gibt es in der Eres-Stiftung, leider hat sich mir das vor Ort nicht erschlossen, sonst hätte ich mir das auch noch sehr gern angeschaut.

Die echte Entdeckung – und Museumsperle – war für mich die umfangreiche Puppen- und Figurentheater- und Schausteller-Sammlung.

Meine Leidenschaft fürs Theater habe ich ja erst relativ spät entdeckt und meine Begeisterung für das Puppen- und Figurentheater ist noch recht frisch. Ich weiß gar nicht mehr genau, was der Auslöser dafür war.

Marionettenpuppen fand ich übrigens schon als Kind furchtbar. Ich habe eine ganz frühe Erinnerung an ein Kasperletheater in einem Urlaub. Da habe ich schon mitgefiebert, ich war vielleicht drei oder vier Jahre alt, aber die Augsburger Puppenkiste – für mich DAS Marionettentheater – die in meiner Kindheit relativ oft im Fernsehen lief, hat mich nie wirklich überzeugt. Vielleicht weil die Puppen nicht den Mund bewegen und auch ihre Körperbewegung so seltsam hölzern ist. Den Mund bewegen Kasperlepuppen auch nicht, aber vielleicht funktioniert die Illusion da besser, weil man bei den Marionetten natürlich immer auch die Fäden sieht, die die Illusion von einem eigenständigen Charakteren brechen.

In meiner Kindheit waren die Puppen aus der Sesamstraße, insbesondere Ernie und Bert, Grobi, das Krümelmonster und Oskar in der Mütonne (vor dem ich ein bisschen Angst hatte), Plumpaquatsch und der Hase Cäsar (beide von Wolfgang Buresch gespielt und gesprochen), Lemmi und die Schmöker, und natürlich die Muppets, meine Puppenhelden.

In den 70er Jahren sah ich mal Mummenschanz im Fernsehen, das hat mich – im Gegensatz zur reinen Pantomime – sehr nachhaltig begeistert. Vieleicht rührt daher auch mein Faible für Knetfiguren (-Animationen). Friedrich und Friedrich von Luzie, der Schrecken der Straße, die Plonsters und dann natürlich alles was aus den Aardman Studios kommt.

 

In der jüngeren Vergangenheit war ich sehr entzückt von Rene Mariks Maulwurfn

und beim Kakerlakophon von Martin Reinl kann ich mich auch nach dem zehnten Mal gucken noch wegschmeißen.

2016 gab es bei RTL erstmals eine Castingshow für Puppentheater. Das Format Castingshow ist sicher fragwürdig (wenn auch extrem erfolgreich), die Jury dort mehr so naja und das Ganze war, wie ich finde, nur mittelgut produziert (z. B. trat dort eine Tanzcompanie als Teilnehmer auf. Häh?), aber man konnte die volle Bandbreite von Figuren- und Puppentheater zur besten Sendezeit im Fernsehen sehe: Handpuppen, Stock- und Fingerpuppen, Bauchredner, Marionetten, Ganzkörper- und überlebensgroße Figuren, etc. Teilweise wirklich hochkarätig. So z.B. The Pigeoning von Robin Frohardt, Barnaby Dixo, eigentlich Animationsfilmer, oder das Papiertheater von Maayan Iungman.

 

Aber zurück zum Münchner Stadtmuseum. Die ausgestellte Puppensammlung ist enorm, wer weiß, was da noch alles im Depot schlummert (Bitte beteiligt Euch am #DepotDienstag auf Instagram!). Zum großen Teil sind Marionetten zu sehen, die ich als künstlerische Artefakte ganz großartig finde. Die liebevoll gemalten ausdrucksstarken Gesichter, die unterschiedlichen Konstruktionen, die Vielfalt an Puppenarten, die Kleidung, die Bühnenbilder und Requisiten. Ich entdeckte zwei alte Marionetten aus dem Kölner Hänneschen Theater, war bass erstaunt über die Schamhaarbemalung der Puppen von Richard Teschner, verliebte mich in den Miro-Mann von Harry Kramer – aber eigentlich in alle Figuren.

 

Die Sammlung zu Schaustellerei finde ich auch faszinierend. Ich bin ja ein Kirmesfan und würde da viel öfter hingehen, wenn da nicht immer so viel Menschen wären. Unter Designaspekten ist die Schaustellermalerei auch spannend, denn das ist ja ein ganz besonderer Gestaltungsbereich und eigentlich mit nichts vergleichbar. Interessant, wie wenig sich das Design in den letzten hundert Jahren verändert hat. In der Ausstellung sind sehr alte Buden, Automaten, und Attraktionen aufgebaut, Figuren aus der Geisterbahn, alte Karussell-Figuren. Sehr lustig ist, dass an einigen Stellen Bewegungsmelder installiert sind und wenn man nichtsahnend durch den Raum schlendert, rappelt plötzlich irgendwo was los. Es gibt ein Panoptikum mit Wachsfiguren zur „Belehrung und zum Schaudern des Publikums“, einen ekeligen Kopf, der Blut spuckt und allerlei Kuriositäten.

 

Das Münchner Stadtmuseum ist geöffnet Dienstag – Sonntag von 10.00-18.00 Uhr
Die Sonderausstellung No secrets! – Bilder der Überwachung läuft noch bis zum 16. Juli. 2017

Diesen Beitrag widme ich der Blogparade #perlenfischen des Infopoint Museen & Schlösser in Bayern, weil ich hier wirklich eine Perle für mich entdeckt habe.

 

 

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4 Comments

  1. Liebe Ute,

    ich mag solche unerwarteten Entdeckungen auch sehr – und diese Puppen sind ja famos!

    Ich habe meine Freude am Puppentheater in New York entdeckt, als ich über eine Veranstaltung namens Puppet Playlist stolperte – da interpretieren Puppenspieler aller Art die Songs eines Musikers wie Johnny Cash.

    Dass es in Deutschland sogar eine Castingshow gab, wusste ich nicht. Wie immer bist du ein Brunnen voller Wissen.

    Danke!
    Petrina

    • Danke Dir, liebe Petrina, aber dass ich weiß, was bei RTL läuft ist ja eher zweifelhaftes Wissen. 😀

  2. Liebe Ute,

    vielen Dank dafür, dass du deine Entdeckung im Münchner Stadtmuseum mit uns geteilt und damit angeregt hast, selbst mal wieder auf Entdeckungsreise zu gehen! Gerade als Kultur- und Museumsmensch darf man – trotz aller Arbeit – den Spaß an unbekannten Winkeln und dem Treibenlassen nicht vergessen.

    Herzliche Grüße,

    Jana, Sabine und Anna
    Redaktionsteam Museumsperlen

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