Spurensuche – Familienforschung

Seit bestimmt 15 Jahren will ich diese Reise machen, aber irgendwas fehlte immer: Auto, Geld, Zeit. Dann passte plötzlich alles, ich plante, arrangierte – und dann kam mir kurz vor knapp doch wieder das Leben dazwischen. Ich ziehe es trotzdem durch, auch wenn ich es verkürzen musste und inhaltlich völlig unvorbereitet bin: keine Termine bei Archiven, oder sonst wo. Ich stolpere einfach so von Ort zu Ort – in Sachsen.

Heute war ich in Lichtenberg im Erzgebirge. Mindestens drei Generationen meiner Vorfahren haben dort gelebt. Ich war als erstes bei der Dorfkirche, die blöderweise geschlossen war, habe auf dem Friedhof nach Namen gesucht, die ich unter meinen Vorfahren habe (und nichts gefunden, weil das alles zu lange zurückliegt). Habe vergeblich versucht das Pfarramt telefonisch zu erreichen. Dann bin ich einfach mal ins Rathaus spaziert, wurde von Kollegin zu Kollegin zu Kollegin verwiesen und saß dann bei einer sehr sympathischen Mitarbeiterin in einer kleinen Amtsstube und habe die Chronik des Nachbardorfs, die zur 800-Jahr-Feier herausgegeben wurde, quergelesen. Wir haben nett geplaudert, ich habe die Chronik des Hauptorts gekauft und zog wieder von dannen.

Kirche Lichtenberg i. E.

Das zerrüttende ist, dass es in diesen Haufendörfern und kleinen Kleinstädten keine Gastronomie gibt, die tagsüber geöffnet hat, der Bäcker hat Montag nachmittags zu und wenn ich nicht die Bemmen vom Frühstück gehabt hätte, wäre ich glatt verhungert. Das Thema Klo will ich gar nicht näher errörtern.

Chronik 800 Jahre Lichtenberg Das tolle an dieser Chronik ist, dass sie eine Häuserchronik seit ca. 1688 enthält. Es sind 191 Häuser aufgelistet, jeweils mit allen Besitzern. Die habe ich dann im Auto sitzend durchgearbeitet. Einige Namen habe ich auch gefunden, leider keine passenden Vornamen. Ärgerlich, denn einer der Vorfahren war Ölmühlenbesitzer (um 1780) und hätte da eigentlich aufgeführt sein müssen. Aber da fehlt mir dann doch die eine oder andere urkundlich belegte Information.

Mein Basecamp habe ich übrigens in Döbeln, ein ganz reizender Ort und mit meiner Unterkunft habe ich es perfekt angetroffen. Schön, abends an einen heimeligen Ort (mit spitzen WLAN) zurückzukehren.

Warum mich das Spurensuchen umtreibt.

Meine Oma wurde 1914 als zweite Tochter von insgesamt sieben Geschwistern geboren. Die Familie lebte in einer Kleinstadt in der Nähe von Chemnitz.
Ein Bruder von Omas Mutter fiel im März 1918, das hatte seine Mutter nicht verkraftet, sie wurde krank und meine Urgroßmutter entschloss sich, ihre zweitälteste Tochter, also meine Oma, zur Unterstützung ihrer Eltern in das gut 70 km entfernte Haufendorf zu schicken. Ich weiß nicht, wie alt meine Oma damals war, aber sie war noch ein Kind. Warum ausgerechnet sie geschickt wurde und nicht die älteste Tochter, weiß ich nicht. Darauf hat auch meine Oma nie eine Antwort gehabt.
So wuchs sie also trotz sechs Geschwister fernab ihrer eigentlich Familie, quasi als Einzelkind auf und das war der Grundstein, für eine völlig andere Biografie. Die Geschwister und ihre Familien lebten und leben immer noch in der gleichen Kleinstadt, hatten im groben vergleichbare Lebensläufe.
Meine Oma ging mit 17 nach Chemnitz, um in einem Haushalt zu arbeiten, machte dann später in Leipzig eine Ausbildung zur Krankenschwester, wo sie meinen Opa kennenlernte. Sie heiratete, bekam einen Sohn, dann brach der Krieg aus. Mein Opa wurde nach Lothringen versetzt, meine Oma genötigt mit dorthin zu ziehen. Mein Opa wurde noch spät eingezogen und meine Oma zog nach Kriegsende, mit einem kleinen Kind und ihrem Hab und Gut in zwei Koffern quer durch das zerstörte Land, um bei Ihrer Familie unterzukommen. Dort waren die Russen und es gab massive Versorgungsprobleme der Bevölkerung. Es gab dann ein Dekret, dass besagte, wer nach einem bestimmten Stichtag in die Region gekommen sei, müsse wieder weg. Das betraf meine Oma und meinen Vater. (So hat das meine Oma kolportiert, die historischen Details fehlen mir leider, ich muss mich da auch mal auf die Suche machen)
Aus unerfindlichen Gründen ging sie nach Niedersachsen, in einen kleinen Ort in der Nähe vom Steinhuder Meer. Ich glaube, sie hatte von einer Bekannten gehört, dass man dort unterkäme, Arbeit und Wohnraum fände, meine Oma hat oft erzählt, dass sie dort in der Landwirtschaft schwer auf dem Acker gearbeitet und “Stubben gerodet” hat.

Irgendwann kam mein Opa aus dem Krieg zurück, wie die beiden sich wiedergefunden haben, ist mir schleierhaft. Sie lebten dann dort bis Mitte der 50er Jahre, ich kann mich nicht erinnern, ob mein Opa dort gearbeitet hätte, in den Erzählungen meiner Oma kam er in dieser Zeit nicht vor – das wird mir erst jetzt richtig bewusst – es existieren auch keine Fotos aus diesen Jahren. Mein Vater ging für seine Ausbildung zum Bergmann an den Niederrhein, blieb dann dort und meine Großeltern zogen Mitte der 50er ebenfalls dorthin.
Und dann wurde die Mauer gebaut. Meine Großeltern und mein Vater lebten im Westen, der Rest der Familie (auch die meines Großvaters – über die ich so gut wie nichts weiß) im Osten.
Meine Oma hat immer den Kontakt zu ihren Geschwistern gehalten. Ich bin mit einer sehr präsenten DDR und Mauer groß geworden. Es wurden regelmäßig Briefe geschrieben und dreizehnmal im Jahr wurden Pakete geschickt (für alle Geschwister und den Vater), zu Weihnachten und jeweils zum Geburtstag. Kaffee und Schokolade. Meine Oma ist putzen gegangen und hat sich das Geld für die Päckchen vom Mund abgespart.
Als Gegenleistung wurden wir mit Stollen, Baumkuchen, gestrickte Pantoffeln, selbstgebasteltem Osterschmuck, erzgebirgischen Holzfiguren, gedrechselten Holzvasen und synthetischer Unterwäsche versorgt.
Die Tanten und Onkel, die verrentnert waren, kamen ab und an zu Besuch. Dann wurde am Niederrhein schwer gesächselt.
Meine Oma ist, soweit ich das überblicke, mindestens sieben Mal in ihrem Leben umgezogen, jedesmal mit mehr oder weniger gravierenden Ortswechseln.
Die Familie meines Opas väterlicherseits kommt aus Schlesien, über die Familie weiß ich sehr wenig, auch über meinen Opa selber. Die Recherche werde ich auch noch angehen. Die Familie meiner Mutter kommt aus dem Bergischen Land, und da gibt es auch einige unstete Geister, deshalb wuchs meine Mutter im Westerwald auf. Meine Eltern sind beide unabhängig voneinander in meinen Geburtsort zugezogen und mit mir dort innerhalb der Stadt dreimal umgezogen, ich seit meinem Auszug von Zuhause fünfmal, nur innerhalb einer Stadt, dennoch.

Mir fehlen tiefe Wurzeln.

 

 

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