Atelierbesuch bei Peer Böhm

Nachdem der Kölner Künstler Peer Böhm nun zum zweiten Mal via Instagram ein Bild von mir zu Kunst verarbeiten wollte, stand ja mal ein Atelierbesuch an.

 

Peer BöhmPeer arbeitet mit alten Fotos, die er findet – oder sie ihn – so gut wie nie kommen sie aus seinem privaten, familiären Kontext. Was ihn genau anspringt, konnte er mir gar nicht richtig erklären. Oft ist es eine bestimmte Farbigkeit – die in seinen Bildern dann gar keine Rolle mehr spielt.

Die Fotos werden am Computer so bearbeitet, das sie nach einem Schwellenwertverfahren nur noch 2 Farben enthalten. Information ja oder nein. 0 oder 1. Dann werden die Bilder auf einen Malgrund übertragen. Peer arbeitet mit Kugelschreiber, Aquarell oder Acryl.

Das Thema das ihn antreibt ist Erinnerung.

 

Nach Platons Erkenntnistheorie ist alles Wissen in der unsterblichen Seele immer schon vorhanden, wird aber bei der Geburt vergessen. Den metaphysischen Hintergrund bildet die Präexistenzlehre, die besagt, dass die Seele schon vor der Entstehung des Körpers existiere und über geistige Fähigkeiten verfüge. Nach dieser Theorie erschafft der menschliche Intellekt kein neues Wissen, sondern erinnert sich nur an Vergessenes. Somit beruht jede Erkenntnis auf Erinnerung. [Wikipedia]

Als ich das Foto von meinem Vater heraussuchte – es liegt mir nur digital vor, ich weiß nicht, ob es dazu auch einen Abzug gibt, auf dessen Rückseite möglicherweise ein Datum und Ort vermerkt sind, oder “nur” ein Dia – überlegte ich, wann es wohl entstanden sein könnte, ob ich da schon auf der Welt war. Versuchte, über Frisur und Klamotten dahinter zu kommen, was mir aber nicht gelang. Eine Erinnerung habe ich zu dem Bild nicht. Und wie ist das überhaupt mit unseren Kindheitserinnerungen? Sind die echt? Wahr? Oder speisen sie sich nicht oft aus eben solchen Fotografien und Erzählungen anderer?

Peer erzählte mir, dass er meinte in seiner Kindheit hätten die Nachbarn einen Pool gehabt, den der Herr Nachbar selber gebaut hatte, in dem die Kinder aber nie schwimmen durften. Als er irgendwann mit seiner Mutter und Geschwistern darüber sprach, stellte sich heraus, dass dieser Pool nie existiert hat. Der Nachbar hatte wohl den Plan gehabt, einen Pool zu bauen, blieb aber auf halber Strecke stecken und mittels Teichfolie wurde es zum Froschteich. Nun konnte Peer diese Kindheitserinnerung durch Zeitzeugen korrigieren, aber mit wie vielen Erinnerungen geht das nicht (mehr)? Und  auf solchen (falschen) Erinnerungen basiert ein Teil unserer Biografie, unser Selbstverständnis und auch eine Meinung über andere.

Dorothee Baer-Bogenschütz schreibt dazu:

“Wir alle leben in dieser Welt und zugleich in einer, die nicht (mehr) ist. Erinnerungen können uns bedrücken und ein eklatantes Unfreiheitsgefühl auslösen. Jeder ist Gefangener seiner Geschichte und wird die Wegmarken seiner Sozialisierung nicht los. Allen Orten, die der Mensch aufsucht, kann er den Rücken kehren. Die Kindheit aber ist der biografisch betrachtet erste Ort, den keiner verlassen kann. Niemand kann sich ganz von der Konditionierung lösen, die Elternhaus und Erziehung mit sich bringen. Die Wege, die aus diesem Universum weg führen und eingeschlagen werden, um an dieses oder jenes Ziel – oder darüber hinaus – zu gelangen, bleiben als Spurrinne im Bewusstsein oder Unterbewussten erhalten, selbst wenn sie nie mehr betreten werden.

Seiner Biografie entkommt man nicht.”

Sehr aufschlussreich ist auch dieser Artikel über unser Gedächtnis:
„Das Gedächtnis funktioniert ein bisschen wie Wikipedia“

 

Erinnerungen sind also zum Teil falsch, verblasst, lückenhaft. Und um diese Lücken geht es in Peers Arbeiten.

Peer Böhm: Früher war der See auch größer

Peer Böhm: Früher war der See auch größer

Eine meiner prägenden Erinnerungen (sic!) aus meinem Studium ist, als ich mich einmal im Aktzeichenkurs mit einem Fuß herumplagte, mir meine Zeichenlehrerin den Tipp gab, wenn man eine Linie nicht richtig hinbekommt, abzusetzen und und ein Stückchen weiter weiter zu zeichnen. Das Auge/Gehirn komplettiert das zur fertigen Form. Diese Leerstellen sind also Platzhalter. Für Erfahrenes, gelerntes, aber auch für Phantasie und Kreativität.

Peer erzählte zu diesem Bild oben – einer Auftragsarbeit – dass Personen, die das Originalfoto kennen, da in der Mitte des Bildes eine Figur sehen – die ich nicht sehe – und eine Menschengruppe, die ich auch nicht sehe.

 

Peer Böhm: Grenzerfahrung

Peer Böhm: Grenzerfahrung

Ich brauchte auch eine Weile um auf diesem Bild Leonid Breschnew und Walter Ulbricht erkannte. Weil ich irgendwie auf die blauen Autos und tatsächlich den Weißraum fokussiert war und interessanterweise das sehr präsente Rot im Vordergrund gar nicht richtig wahrnahm. Wie ein Kippbild. Jetzt kann ich sie gar nicht mehr nicht sehen.

Ich mag die Arbeiten auf Papier sehr gerne, bei denen Peer auf alten Seekarten, Kassenbüchern, o. ä. malt, wodurch sich noch eine weitere Zeit- und Inhaltsebene in das Bild schiebt und die Phantasie befeuert wird. Aus alten Erinnerungen anderer entstehen neue Geschichten im Kopf des Betrachtendens.

Peer Böhm: Woanders ist auch schön - Paris 1968 Kugelschreiber auf Papier

Peer Böhm: Woanders ist auch schön – Paris 1968,
Kugelschreiber auf Papier, 20,5 x 29 cm, 2018

 

Wir gingen dann in den Keller und das Lager, wo Peer mir anhand verschiedener Bilder die Entwicklung seiner Malerei veranschaulichte. Er begann mit sehr klaren Bildern, die wie oben bei der Fotobearbeitung beschrieben, ganz eindeutig waren: entweder Farbe, oder keine Farbe. Monochromer Hintergrund und monochromer Vordergrund. Sie wirken fast wie Siebdrucke. Der nächste Schritt war dann Aquarell, die gemalten Flächen wurden malerischer, wolkiger. Dann kamen Flecken, bearbeitete Malgründe, eine zweite Farbe und  Überlagerungen hinzu. Eins meiner Lieblingsbilder ist die Konsumanstalt. Die Vorzeichnung ist nicht mehr akkurat “ausgemalt”. Die Malerei ist fragmentarisch. Und je weniger konkret es ist, desto mehr Platz ist für die eigene Phantasie.

 

Wir sprachen noch über dies und das, kamen von Hölzchen aufs Stöckchen. Unter Anderem auch darauf, dass es durchaus ein Dilemma für den Künstler sein kann, wenn er von einer Galerie vertreten wird. In meiner romantischen, oder naiven Vorstellung vom Künstlerdasein, dachte ich, dann hat man es geschafft. Man prutschelt jahrelang im Atelier herum macht Ausstellungen, verkauft vielleicht auch mal was, aber wenn dann die erste Galerie auf der Matte steht, dann ist super.

Das Dilemma kann aber sein, dass das Verkaufen dann sehr in den Fokus gerät, dass der/die Galerist:in sagt, hey, die Bilder mit dem Blau haben sich gut verkauft, mach doch nochmal was mit Blau – aber der/die Künstler:in arbeitet gerade mit Rost.

Interessanterweise hat Jonas Burger neulich beim Künstlergespräch im Arp Museum in dem Zusammenhang etwas ähnliches gesagt. Dass man als Künstler:in sehr darauf achten muss bei sich zu bleiben und nicht darauf verfallen darf, (gut verkäufliche) Tapeten zu malen.

Lieber Peer, danke, dass ich bei Dir sein durfte und dass Du Dir die Zeit genommen hast. Es war ein ausgesprochen unterhaltsamer und anregender Nachmittag. Ein gemeinsames Spaten Bier steht noch aus. 😉

 

PS: Bei der Rumchecherchiererei habe ich auf de Seite von Peers Galerie Anja Knoess die Kunstcouch  entdeckt, ein Format, dass coronabedingt entstand. Anja Knoess stellt in Videointerviews ihre Künstler:innen vor. Das finde ich richtig gelungen! Angucktipp.

 

PPS: Ich habe eine längere Instagram-Story über den Atelierbesuch gemacht. Dort gibt es Bewegtbilder und O-Töne von Peer Böhm.

 

 

2 Comments

  1. Wunderbar, liebe Ute. Ich bin auch Fan von Peer und seiner Kunst. Dein Exkurs in die Frage von Erinnerungen und Kindheit hat mich sehr berührt. Gerade heute morgen haben wir ja noch über das Gedächtnis und den Verlust desselben gesprochen. Das ist alles ein Teil unseres Lebens, der einen immer wieder beschäftigt. Ich mag Kunst, bei der genau solche Anknüpfungspunkte entstehen.
    Ganz liebe Grüße von Anke

    • In der Tat, ich bin auch immer sehr dankbar, wenn mich Kunst zum Nachdenken anregt insbesondere, wenn es Themen sind, die mich und mein Leben betreffen.

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